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Polnische Ostseeküste

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Die polnische Ostseeküste

Von Thomas Hillebrand

(Teil 1 eines mehrteiligen Reiseberichts)

Montag, 25. Juli 2005

Um 10:45 Uhr legen wir, meine Frau Claudia und ich, in unserem Heimathafen Wolgast ab und motoren den Peenestrom abwärts Richtung Ostsee. Unser Ziel: Kaliningrad und Pionerskij - gelegen in jener Exklave Russlands an der Ostsee, die vor 1945 zum deutschen Ostpreußen gehörte. Doch die nächsten sechs Tage liegt erst einmal die polnische Ostseeküste vor uns.

Um 22:30 Uhr vermerkt unser Logbuch: "Wir kreuzen den 15. Längengrad, MEZ!" Zu Recht legt nämlich mancher Pole Wert darauf, dass man als Deutscher weiß: Hier, rund 60 Kilometer östlich der deutsch-polnischen Grenze, liegt jener Meridian, an dem sich die mitteleuropäische Zeit orientiert - hier geht die Sonne genau eine Stunde früher als in Greenwich unter. Der fünfzehnte Meridian verläuft weitaus länger durch Polen als durch Deutschland (nur bei Görlitz, der östlichsten deutschen Stadt, streift er kurz deutsches Gebiet). Wir sind also nicht "im Osten", sondern erst hier exakt in Mitteleuropa!

Dienstag, 26. Juli 2005

Im Sommer gut besucht: die Marina in Kolobrzeg
Im Sommer gut besucht: die Marina in Kolobrzeg
Unser erster Hafen ist Kolobrzeg (deutsch: Kolberg), wo wir nach 76 Seemeilen gegen 2:20 Uhr einlaufen. Das Einklarieren ist in Polen in allen uns bekannten Ostseehäfen zu jeder Tages- und Nachtzeit möglich. Angesichts von Sprachproblemen und manchmal etwas ruppigem Umgangston der Grenzbeamten ist das Klarieren bei deutschen Seglern jedoch oft gefürchtet. Dazu kommt, dass die Abfertigungskais teilweise am Ufer von Flussmündungen liegen und sich bei starkem Schwell nur bedingt zum Anlegen von Segelyachten eignen - zumal sie oft aus grobem Beton oder rostigen Spundwänden bestehen, an denen einige überdimensionierte, üblicherweise für die Berufsschifffahrt verwendete schwarze Gummiwürste hängen. In Kolobrzeg ist der Behördenkai jedoch weit im Hafeninneren und daher sehr ruhig gelegen.

Immer wieder sieht man deutsche Crews, die bei der Einreise an den Abfertigungsstellen vorbeifahren. Diese Ignoranz quittieren die Grenzer üblicherweise mit dem Abschießen einer weißen Leuchtrakete. Wer das nicht bemerkt, wird wenige Minuten später von einem Motorboot der Coast Guard aufgebracht. Auch das kleinste Segelboot wird nämlich auf polnischen Radarschirmen sehr genau verfolgt.

Von solch konsequenter Küstenüberwachung beeindruckt, laufen dann viele Segler jede Kontrollstelle an, die sie finden können. Und, wie gesagt, es gibt in fast jedem polnischen Ostseehafen eine solche. Was die meisten Crews nicht wissen: Hat man einmal einklariert, kann man weitere Kontakte mit den Behörden bis zur Ausreise zumeist auf Funkgespräche reduzieren. Wichtig ist dabei nur, dass man dabei in jedem Hafen aufs genauste Auskunft über den "last port" und den "next port" gibt. Denn dann melden die Dienststellen ein Segelboot bei der Ausfahrt aus dem Hafen bereits per Funk oder telefonisch im nächsten Hafen an. Wendet man sich später per Funk an die dortigen Behörden, erhält man - sprachliches Verständnis vorausgesetzt - meist die Erlaubnis zum Passieren und direkten Anlaufen des Yachthafens. Geeignetster Moment für ein solches Funkgespräch ist natürlich das Passieren der Kontrollstelle, wenn die Grenzbeamten die Identität des Bootes mit einem Blick durch ihr Fernglas überprüfen können.

Aber Achtung: Zwei kleine Schwierigkeiten lauern beim Funken. Kanal 16 wird von den Behörden nicht abgehört! Man muss daher den Funkkanal wissen, auf dem man sie anspricht. Und man sollte den Namen der zu kontaktierenden Dienststelle möglichst gut aussprechen können, sonst wird man schlicht ignoriert - natürlich nur auf dem Funk, die weiße Leuchtrakete ist einem hingegen sicher! Üblicherweise ruft man das so genannte "Kapitanat" (die Betonung liegt auf der letzten Silbe, die langgezogen ausgesprochen wird). Dann folgt der Genitiv des polnischen Wortes für "Hafen", nämlich "Portu" (Betonung auf der ersten Silbe). Und schließlich der Name des Ortes - und hier wird es in manchen Fällen ein wenig schwierig. Deshalb hier eine Liste der wichtigsten Häfen mit "lautsprachlicher Übersetzung":
  • Kolobrzeg (Kolberg):
        "Kapitanat Portu Ko-uob-tscheg" (Kanal 12)
  • Darlowo (Rügenwalde):
        "Kapitanat Portu Dar-uowo" (Kanal 12)
  • Ustka (Stolpmünde):
        "Kapitanat Portu Uhstka" (Kanal 12)
  • Leba (Leba):
        "Kapitanat Portu Uebba" (Kanal 12)
  • Wladyslawowo (Großendorf):
        "Kapitanat Portu Wua-dis-ua-wowo" (Kanal 10)
  • Hel (Hela):
        "Kapitanat Portu Häl" (Kanal 10)

Zu den Attraktionen Kolobrzegs gehört der 1866 erbaute Leuchtturm an der Hafeneinfahrt. Von ihm hat man einen wunderbaren Blick über die Pommersche Bucht, den breiten Strand Kolobrzegs und die Stadt.

Blick aus der Redoute Morast auf die Marina
Blick aus der Redoute Morast auf die Marina
Unser Ziel an diesem Abend liegt jedoch gar nicht so weit: Abends ist der schönste Platz der Stadt wahrscheinlich die Redoute Morast in der Ulica Warzelnicza auf der Salzinsel (Wyspa Solna) - direkt neben dem Yachthafen gelegen. Die Redoute Morast gehört zu den Anlagen der in den Jahren 1770 bis 1774 erbauten preußischen Festung Kolberg. Damals trug das Bauwerk noch den Namen Morastschanze.

Die Festung Kolberg wurde berühmt durch einen Propagandafilm der Nationalsozialisten, der auf historischen Tatsachen beruhte:

Im März 1807, während des vierten Koalitionskrieges, belagerten die Truppen Napoleons die Stadt Kolberg. Kolberg war zu diesem Zeitpunkt die einzige noch kämpfende Festung Preußens. Festungskommandant Oberst von Lucadou plante bereits die Kapitulation. Der Kolberger Bürgerrepräsentant Joachim Nettelbeck opponierte jedoch dagegen, denn er wollte die Stadt verteidigen. Er wurde aber für einige Zeit ins Gefängnis geworfen. Ferdinand Baptista von Schill, preußischer Freikorps-Kommandeur, kam Kolberg zu Hilfe und attackierte den französischen Nachschub mit Partisanentaktik. König Friedrich Wilhelm III. entsandte schließlich aus Königsberg August Graf Neidhardt von Gneisenau als Kommandanten in die Festung. Er traf am 29. April 1807 auf dem Seeweg ein. Der Waffenstillstand zwischen Preußen und Frankreich beendete am 2. Juli 1807 die Belagerung und den Kampf um Kolberg.

Popkonzert in der Redoute Morast
Popkonzert in der Redoute Morast
Der Nazi-Film "Kolberg" heroisierte gegen Ende des Zweiten Weltkrieges das Durchhalten der Kolberger in aussichtloser Lage. Er wurde nach Kriegsende von den Alliierten Militärbehörden verboten.

Heute befindet sich in der Redoute Morast eine sehr schöne Gaststätte mit Biergarten. Während des Sommers finden hier fast täglich Popkonzerte statt. Und in einem großen Ofen werden verschiedenste Sorten Fisch geräuchert - Leckerbissen, die reißend Absatz finden.

Mittwoch, 27. Juli 2005

Um 8:50 Uhr laufen wir aus Kolobrzeg aus und segeln bei 4 bis 5 Beaufort aus West in Richtung Ustka. Nicht nur der Wind ist günstig für die 55 Seemeilen. Heute, das haben wir bereits seit Tagen auf unserem Navtex-Empfänger aufmerksam verfolgt, wird es auch keine Übungen in den Militärgebieten 6, 6a und 9 geben, die sich zwischen Jaroslawiec und Ustka rund 10 Seemeilen weit ins Meer erstrecken. Kaum ein anderes Schießgebiet der Militärs in irgendeinem Land an der Ostsee wird so viel genutzt wie dieses, und das auch in der Urlaubszeit im Hochsommer. Feuerpausen gibt es dann meist nur tief in der Nacht für einige Stunden sowie an Sonntagen.

Vor einigen Jahren hatten wir einmal auf dem Weg nach Ustka unser Navtex ignoriert und waren bei Jaroslawiec ahnungslos in das Übungsgebiet eingedrungen. Plötzlich sahen wir am Ufer Mündungsfeuer und vor uns leuchtende Geschossbahnen. Wohl nie haben wir unser Boot schneller gewendet als an diesem Tag.

Auskunft über laufende Schießübungen erhält übrigens man auch bei den Kapitanaten Darlowo und Ustka - und dies gegebenenfalls auch über Funk.

Abendhimmel im Hafen von Ustka
Abendhimmel im Hafen von Ustka

Um 20:30 Uhr legen wir in Ustka längsseits an einem anderen Segler an. Nach einem langen Segeltag ist es sehr angenehm, dass man hier nur 30 Schritte laufen muss und schon zwischen einem halben Dutzend Gaststätten die Auswahl hat. Wir setzen uns in eine der typischen Fischbratereien und essen jeder ein großes in Folie gedünstetes Dorschfilet. Der Wirt beweist im Handumdrehen, dass man bei ihm nicht auf die beliebten Frytki (Pommes Frites) und frittierten Fisch angewiesen ist; man muss eben nur nach etwas anderem fragen.

Womit wir bei der polnischen Küche wären. Wie überall befindet sich auch die traditionelle Küche Polens im Kampf mit den Segnungen der globalen Fast-Food-Industrie. Deshalb lohnt es, sich zu informieren und zweimal zu schauen, wo man sich hinsetzt. Wer ein bisschen wählerischer isst, wird kaum enttäuscht werden. Was man unbedingt probieren sollte:

  • Bigos (sprich: "bi-gosch") ist ein Weisskohl-Sauerkrauteintopf mit Steinpilzen - das polnische Nationalgericht.
  • Pierogi (sprich: "piä-roggi") sind - meist mit Quark oder Weißkohl - gefüllte Teigtaschen.
  • Zurek (sprich: "su-rek") ist eine auf der Basis von vergorenem Roggenmehl hergestellte leicht saure Mehlsuppe, die mit Fleisch, Pilzen und Kartoffeln angereichert ist. Es gibt sie in vielen Variationen.
  • Golonka (sprich: "golonka") ist lange erhitztes und daher nicht allzu fettes Eisbein, das in verschiedensten Variationen angeboten wird: mal in Bier geschmort, mal mit brauner Soße serviert, mal gekocht und mit Sauerkraut und Meerrettich kombiniert.
  • Szaszlyk (sprich: "schasch-uick") wird stets auf dem Holzkohlegrill aus mariniertem Fleisch zubereitet (mit den faden gleichnamigen Spießen an mancher deutschen Imbissbude hat das nichts zu tun).
  • Kurczak (sprich: "kur-tschack") ist ein klassisches Grillhähnchen - und somit prinzipiell eigentlich etwas Internationales. Aber in der an Geflügel reichen hinterpommerschen Küste schmeckt es einfach etwas besser als anderswo.

Diese Liste erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, sie kann dem Leser nicht einmal annähernd die Vielseitigkeit der polnischen Kochkünste nahe bringen. Aber wer sich nicht auskennt, kann unsere Hitliste als Hilfe zum Einstieg nutzen.

Donnerstag, 28. Juli 2005

Um 8:45 verlassen wir Ustka, um 9:15 sind die Segel gesetzt. Bei drei Windstärken aus Südsüdost machen wir leider nur wenig Fahrt, aber heute liegen auch nur 29 Seemeilen vor uns. Gegen Mittag lassen wir die Maschine mitlaufen. Unser Ziel ist Leba, wo wir um 15:50 Uhr anlegen. Leba verfügt über eine neu gebaute, sehr moderne Marina, in der man komfortabel an Schwimmstegen liegt.

Die letzten 17 Seemeilen auf dem Weg von Ustka sieht man, selbst bei einigem Abstand von der Küste, gewaltige Dünen am Ufer - die von vielen so genannte "polnische Sahara". Es handelt sich dabei um den Slowinski Nationalpark, ein 1977 von der UNESCO anerkanntes Biosphärenreservat mit noch aktiven Wanderdünen - das größte in Mitteleuropa. Die schnellsten Dünen wandern bis zu zehn Meter pro Jahr gen Südosten. Dies hat sich auch auf die Stadt Leba ausgewirkt: Im Jahr 1558 wurde Leba von den vorrückenden Dünen bedroht, daher musste die Stadt an anderer Stelle neu aufgebaut werden.

Schon viele Filmteams haben hier übrigens Wüsten-Szenen gedreht und so stattliche Reisekosten gespart.

Häufig vor der polnischen Küste: Fischfähnchen
Häufig vor der polnischen Küste: Fischfähnchen
Wenn man zuviel zum Ufer schaut, droht hier direkt vor der Küste ständig eine Gefahr: Kleine im Wasser schwimmende Fähnchen markieren Reusen oder Angeln der Fischer. Im Prinzip sind sie nicht weiter gefährlich. Überfährt man sie jedoch, kann schon mal eine Leine im Propeller hängen bleiben. Also aufgepasst, zumal die "Fischfähnchen" hier bis auf 20 Meter Wassertiefe stehen. Besonders nachts sollte man gut aufpassen oder in relativ weiter Entfernung vor der Küste fahren.

Storch nistet auf einem Schornstein in Leba
Storch nistet auf einem Schornstein in Leba
Auf unserem Weg von der Marina in die Stadt sehen wir auf einem Schornstein nahe der Straße einen Storch nisten. In Polen sind Störche nichts Außergewöhnliches. Die landwirtschaftlich dominierte Wirtschaftsstruktur an der Ostseeküste und der mit dem niedrigeren Wachstum während des Sozialismus einhergehende geringere Flächenverbrauch haben vielen Tierarten ihren Lebensraum erhalten, die bei uns ausgestorben sind. Oft hat man deshalb als Besucher den Eindruck, in Polen sei "die Natur noch in Ordnung".

Der Hafen von Leba am Abend
Der Hafen von Leba am Abend

Für einen abendlichen Stadtbummel ist Leba vielleicht der schönste Ort auf unserer Reise entlang der polnischen Küste. Eine Vielzahl kleiner Läden lädt zum Shopping ein, die Gastronomie ist hier besonders vielfältig.

Freitag, 29. Juli 2005

Um 9:20 laufen wir aus, Kurs Wladyslawowo. Der Wind hat zurückgedreht auf Ost, das Baro sinkt leicht, am Abend wird der Luftdruck mit 1015 hPa drei Hektopascal niedriger sein als morgens.

Auf der Kreuz vor Kap Rozewie
Auf der Kreuz vor Kap Rozewie
Seglerschicksal! Denn heute steht das Kap Rozewie an, der nördlichste Punkt Polens. Es zählt beim besten Willen nicht zu den großen Kaps der Welt, aber es kann auch im Kleinen ganz schön zickig sein. Vier Stunden motoren wir bei Windstärke 3 auf Rozewie zu, aber gut zwölf Seemeilen davor, dort wo die Küstenlinie fast in östlicher Richtung zu verlaufen beginnt, haben wir auf einmal fünf Beaufort und steile Welle - zuviel zum Gegenanmotoren. Wir setzen Segel und kreuzen auf. Wegen der Welle ist das mühselig: Unsere alte Stahlyacht braucht über sechs Stunden für das kleine Stück. Und kaum haben wir Rozewie passiert, geht der Wind wieder auf Windstärke 3 zurück. Jetzt, wo wir das Boot laufen lassen könnten, ist der Wind natürlich wieder zu schwach zum Segeln! Um 20:50 haben wir 46 Seemeilen durchs Wasser hinter uns gebracht, 12 mehr als auf direktem Weg.

Wladyslawowo ist der größte Fischereihafen Polens. Durch eine beeindruckende Zahl großer Kutter und Trawler hindurch laufen wir den kleinen Yachtanleger in der hintersten Ecke des Hafens an.

Jahrmarkt von Wladyslawowo
Jahrmarkt von Wladyslawowo
Aber auch in Sachen Tourismus ist Wladyslawowo Superlative: Die Stadt hat nur etwa 10.000 Einwohner, und es heißt, in der Hochsaison seien bis zu 70.000 Touristen hier. Oft ist dennoch zu lesen, es gäbe hier nichts zu sehen - außer einem riesigen Jahrmarkt mitten im Ort, dem Strand mit seiner beliebten (und lauten) Stranddiskothek und den Wikingerschiffen, auf denen man so genannte "Seereisen" etwa eine Seemeile hinaus auf die Ostsee unternehmen kann.

Das stimmt nicht wirklich:

Da wäre beispielsweise der weithin sichtbare in den 50er-Jahren errichtet Turm zwischen dem Hafen und der Eisenbahnstation, der zum Kulturzentrum "Dom Rybaka" gehört. Er steht Besuchern offen und bietet einen grandiosen Blick über die kaschubische Landschaft. Besonders eindrucksvoll ist, dass man von hier die ganze Halbinsel Hela entlang schauen kann.

Blick vom Turm des Dom Rybaka auf die Halbinsel Hela
Blick vom Turm des Dom Rybaka auf die Halbinsel Hela

Im früheren Ostseebad Hallerowo, das heute Teil von Wladyslawowo ist, steht das ehemalige Sommerhaus von General Jozef Haller von Hallenburg, einem polnischen Volkshelden. Er wurde insbesondere dadurch berühmt, dass er im Februar 1920, als Polen aufgrund des Versailler Vertrages den "Polnischen Korridor" erhielt, Truppen an die Ostsee führte. Polen hatte damit erstmals seit 1795 wieder Zugang zur Ostsee. Der General führte auch die Zeremonie am 10. Februar 1920 im nahe Wladyslawowo gelegenen Puck an, die als "Vermählung Polens mit der Ostsee" in die Geschichte einging. In Hallers Sommerhaus "Hallerówka" existiert seit 1990 eine Gedenkstätte für den General und seine "Blaue Armee".

Als Sehenswürdigkeit nicht vergessen werden darf schließlich der begehbare Leuchtturm in Rozewie, am nördlichsten Punkt Polens, der ein Leuchtturmmuseum beherbergt.

Sonnabend, 30. Juli 2005

Heute lassen wir uns Zeit. Wir haben im Internetcafe, das sich im Erdgeschoss unter dem Turm des Dom Rybaka befindet, genaue Wetterberichte eingeholt. Gegen Mittag soll der Wind auf Südwest drehen. Warum also weiterhin über Ostwind ärgern?

Um 14:15 Uhr vermerkt unser Logbuch: "Auslaufen nach Windshift!" Wir haben 5 Beaufort aus Südwest und laufen anfangs 6 Knoten. Natürlich hält so etwas nicht lange an - und zwei Stunden später muss schon der Diesel helfen.

Dicht unter Land fahren wir an der schmalen Halbinsel Hel, die geologisch eigentlich eine Nehrung ist, entlang. Zwischen 1945 und 1990 waren Teile der Landzunge militärisches Sperrgebiet und durften nicht betreten werden. Heute entwickelt sich der Tourismus hier stürmisch. Wir sehen über die schmale Halbinsel hinweg sogar Kite-Surfer in der Zatoka Pucka, dem zur Danziger Bucht gehörenden Gewässer auf der anderen Seite.

Um 18:40 Uhr machen wir nach nur 22 Seemeilen in Hel (deutsch: Hela) fest.

Fischereimuseum in Hel
Fischereimuseum in Hel
Gleich am Ausgang des Hafens umwirbt das Fischereimuseum des Ortes die Besucher. Das Museum wartet mit vielen Schiffsmodellen und umfangreicher Fischereiausrüstung auf und ist in einer gotischen Kirche aus dem 15. Jahrhundert untergebracht.

Aber wir lassen uns heute Abend auf dem Boulevard in Hel großzügig beköstigen, denn wir haben 227 Seemeilen in sechs Tagen zurückgelegt und können nun morgen über die Danziger Bucht ins russische Baltijsk übersetzen. Kurz: Wir sind im Zeitplan! Und das feiern wir am heutigen Abend.

Wäre uns mehr Zeit geblieben, hätten zwei Dinge hier auf dem Programm gestanden:

Der Strand von Hel
Der Strand von Hel
Ein Strandtag: Über 500 Kilometer Ostseeküste hat Polen, rund 400 Kilometer davon liegen zwischen Swinoujscie und Hel. Und es ist Geschmackssache, an welcher Stelle auf dieser Strecke man sich in den Sand legt. Aber wir, Claudia und ich, lieben besonders den Strand von Hel, am Ende der Landzunge. Feineren, weißeren Sand haben wir noch nirgends gesehen. Und der karge, maritime Bewuchs der Halbinsel beschert dem schmalen Landstreifen zwischen Ostsee und Danziger Bucht eine ganz besondere Atmosphäre. Und dennoch ist es hier nicht einmal so voll, wie an den Stränden Kolobrzegs oder Ustkas.

Apropos volle Strände: Zwar herrscht nahe den polnischen Seebädern am Meeressaum heftiger Trubel, aber wer das nicht mag, findet ein wenig außerhalb der touristischen Brennpunkte selbst in der Hochsaison Strandabschnitte, an denen er keinen einzigen anderen Badegast auch nur in Sichtweite hat.

Und ein Besuch auf der Robbenstation Hel (Ul. Morska 2) wäre auch angesagt gewesen: Biologen wollen von Ihrem Institut hier in Hel aus wieder Robben an der polnischen Küste ansiedeln. Seit mehr als 100 Jahren gelten Robben an Polens Küsten als ausgestorben. In der nördlichen Ostsee, hauptsächlich an den Küsten Schwedens, Finnlands und Estlands leben hingegen heute noch rund der 17.000 der Flossenfüßer. Die Forscher haben in diesem Sommer zehn in Hel aufgezogene Jungtiere freigelassen. Die Aufzuchtstation kann besucht werden.

Weiter: Teil 2 - Im Kaliningrader Gebiet




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