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Kaliningrader Gebiet: Marinas
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Im Kaliningrader Gebiet

Von Thomas Hillebrand

(Teil 2 eines mehrteiligen Reiseberichts)

Sonntag, 31. Juli

Vom polnischen Hela nach Russland zu segeln ist einfach, es sind nur 35 Seemeilen - aber die Vorbereitung ist es nicht. Man benötigt ein Visum und eine gute Törnplanung, sonst kann der Russlandabstecher schnell zu Ende sein! So war es uns vor drei Jahren ergangen, als wir kurzerhand des Landes verwiesen wurden.

Seinerzeit waren wir mit einem Visum in Kaliningrad gewesen, das zur einmaligen Einreise berechtigte. Im Kaliningrader Yachtclub hatten wir uns mit einem russischen Segler und seiner Familie angefreundet. Juri hatte von einem anstehenden Hafen- und Fischerfest in Pionerskij an der Nordküste des Kaliningrader Gebietes berichtet und uns eingeladen ihm mit unserem Boot dorthin zu folgen. Als wir wenig später im Hafen von Baltijsk am Behördenkai unser Reiseziel anmeldeten, verweigerten uns die Grenzbeamten die Erlaubnis. Sie wiesen uns an, Russland auf direktem Wege zu verlassen und nach Polen überzusetzen. Der Hintergrund war offensichtlich: Ausländische Boote, die Baltijsk verlassen, haben dies - soweit eine anders lautende Erlaubnis nicht vorliegt - auf einem vorgeschriebenen Kurs zu tun, der rechtwinklig von der Küste weg und in internationale Gewässer hinein führt. Nimmt man von dort Kurs auf Pionerskij, reist man ein zweites Mal nach Russland ein - und benötigt ein weiteres Visum. Ein solches hatten wir damals nicht.

Diesmal haben wir ein Visum mit der Berechtigung zur doppelten Einreise beantragt und erhalten. Diesmal werden wir von Kaliningrad nach Pionerskij segeln! Knapp 150 Euro hat uns das Visum, inklusive der Nebenkosten für eine amtliche Einladung und eine vorgeschriebene Reisekrankenversicherung, gekostet - 300 Euro für zwei Personen. Dafür bekommt man in Spanien fast schon eine Woche Urlaub all inclusive, in Russland hingegen ist das gerade mal der Eintritt!

Als wir am Morgen des 31. Juli 2005 um 7:40 Uhr die polnischen Behörden anfunken, um auszuklarieren, steht kurz darauf ein deutscher Segler neben unserem Boot, um uns zu fragen, wie das mit einem Visum für Segler funktioniere; er würde auch so gerne einmal nach Kaliningrad segeln. In aller Kürze erkläre ich ihm die Tücken der Einreiseformalitäten (siehe "Beantragung eines Russland-Visums für Segler").

Gehen 8:15 Uhr sind wir auf der Zatoka Gdanska, der Danziger Bucht. Wir sind für unsere Verhältnisse früh ausgelaufen, denn die an der Küste gelegene Hafenstadt Baltijsk, das frühere Pillau, zu erreichen, ist nur das halbe Tagesziel.

In Baltijsk liegen große russische Marineverbände
In Baltijsk liegen große russische Marineverbände
Baltijsk ist noch heute militärisches Sperrgebiet, wie bis 1991 das ganze Kaliningrader Gebiet. Man hat zwar dort einzuklarieren, darf aber in der verbotenen Stadt nicht liegen bleiben. Doch Kaliningrad, wo wir im Yachtclub festmachen wollen, liegt rund 25 Seemeilen im Landesinneren. Man erreicht es über den Kaliningrader Seekanal, der sich zwar komfortabel befahren lässt, wo man allerdings genauso wenig irgendwo festmachen darf, denn der Kanal ist ein vielbefahrener Weg für die Großschifffahrt.

Der Kanal führt durch das Frische Haff, wo man ankern könnte, aber bereits die Durchfahrten durch die Uferwälle vom Kanal in die seichte Lagune sind überall stark versandet und das Haff ist durchgängig von Untiefen übersät. Und nur vom Kanal gibt es eine britische Seekarte, vom Haff konnten wir in Deutschland keine Karte kaufen - und selbst in Russland findet man bis heute keine im Handel. Das Militär sperrt sich angeblich noch immer dagegen. Wir hören später, in Litauen sei allerlei Kartenmaterial erhältlich, doch das nützt uns jetzt wenig. Auch erfahren wir, dass es möglich ist, durch das Haff zu segeln, aber ohne Karte ist davon dringend abzuraten.

Für uns steht fest: Wir können nirgends einen Zwischenstopp einlegen, sondern müssen bis Kaliningrad durchmotoren. Und selbst das Anlaufen des Segelclubs, der ebenfalls im Frischen Haff liegt, scheidet aus, weil der Weg zwischen den Untiefen hindurch nicht ausgetonnt und die Ansteuerung bei Nacht zu riskant ist. Wir haben deshalb geplant, in den Freihafen zu fahren, wo Segelboote laut einer Information im Internet an einer Pier festmachen können. Vor uns liegen also nicht nur 35 Seemeilen, sondern 65 - und eine schätzungsweise einstündige Kontrolle.

Erst einige Tage später werden wir von einem russischen Segler erfahren, dass es knapp zwei Seemeilen südlich von Baltijsk an der Frischen Nehrung ein altes Hafenbecken aus deutscher Zeit gibt, wo wir für eine Nacht hätten anlegen können (Einfahrt: N 54° 37,1’ / E 019° 53,3’). Allerdings ist auch dieses Becken stark versandet und man braucht eine aktuelle Karte, um es anzulaufen. Es soll übrigens Überlegungen geben, hier eine Marina zu errichten.

Um 17:00 Uhr Kaliningrader Zeit laufen wir in den Hafen von Baltijsk ein. Kurz vorher haben wir, der Hafenordnung entsprechend, Kaliningrad-47 - so die russische Bezeichnung für Baltijsk Traffic - auf Kanal 74 in englischer Sprache um die Erlaubnis zur Einfahrt gebeten, die anstandslos erteilt wurde.

Eine halbe Stunde später erreichen wir nach einigem Suchen die Abfertigungsstelle am östlichen Ende des Hafens von Baltijsk. Ohne die in perfektem Englisch geleistete Funkberatung durch Kaliningrad Traffic hätten wir das Bassin Nummer 3 wohl kaum gefunden, wo die Grenzer seit kurzem sowohl polnische Fähren als auch Sportboote abfertigen (Position N 54° 38,1' / E 019° 55,8'). Vor drei Jahren hatte man noch mitten im Baltijsker Hafenbecken klariert.

Der Seekanal: Baggerrinne durch das Frische Haff
Der Seekanal: Baggerrinne durch das Frische Haff

Nach knapp einer Stunde Einreiseformalitäten sind wir entlassen und motoren durch den wunderschönen, bereits um das Jahr 1900 angelegten Seekanal Richtung Kaliningrad. Dank guter Betonnung finden wir unseren Weg ohne Probleme und kommen über den Fluss Pregel, in den der Seekanal kaum merklich übergeht, noch vor Mitternacht im Freihafen an. Als wir aus dem Pregel (russisch: Pregolya) in das östlichste und der Innenstadt nächstgelegene Hafenbecken einfahren, sehen wir am hinteren Ende schon ein Segelboot liegen - allerdings ein russisches ohne Besatzung, wie wir wenig später erkennen.

Beim Anlegen haben wir die Leinen noch nicht richtig vertäut, da seht schon eine uniformierte Russin neben dem Boot und macht uns unmissverständlich klar, dass einerseits Anlegen hier keinesfalls erlaubt sei, andererseits unser diesbezüglicher Versuch aber bereits ein derart schwerwiegender Verstoß gegen die Regeln sei, dass wir nun auch nicht einfach wieder ablegen könnten, denn zunächst müsse eine Untersuchung des Vorfalls stattfinden. Claudias Russisch reicht aus, das zu verstehen, aber nicht, die Amtsperson zu besänftigen.

Der Kaliningrader Freihafen bei Nacht
Der Kaliningrader Freihafen bei Nacht

Ranghöhere uniformierte Damen eilen heran. Man gibt uns zu verstehen, dass bald ein noch ranghöherer, englisch sprechender Kollege käme, um den Fall zu entscheiden. Nach dreißig langen Minuten kommt der tatsächlich. Zu unserer Verwunderung trägt er jedoch keine Uniform mit noch mehr Streifen, sondern Jeans. Nachdem wir kurz auf Englisch erklärt haben, dass wir im Internet gelesen hätten, man könne hier anlegen, entscheidet er in knappen Worten, dass wir bis sieben Uhr am Morgen bleiben dürfen und entschwindet in die Nacht. Und irgendwie erscheint es uns ein bisschen, als habe hier das neue Russland über das alte gesiegt.

Montag, 1. August 2005

Um 7:15 Uhr legen wir im Freihafen ab. Ziel: der Kaliningrader Yachtclub. Es geht fünf Seemeilen zurück den Pregel hinab Richtung Baltijsk. An der Abzweigetonne 37, an der ein Fahrwasser ins Haff beginnt, lege ich Ruder nach backbord, Kurs Südwest. Binnen Sekunden sinkt die Tiefenanzeige am Echolot auf beängstigende Werte – und schon nicken wir einmal kräftig nach vorne ein und stecken tief im weichen Schlick. Minuten lang quäle ich unseren 45 Jahre alten Diesel, ehe sich das Boot langsam wieder rückwärts in Bewegung setzt.

Nach unserem Besuch vor drei Jahren ist dies der dritte Versuch, die rund drei Seemeilen vom Seekanal zum Yachtclub ohne Grundberührung zu absolvieren – und zum dritten Mal scheitere ich, diesmal schon auf der ersten Metern! Ich bin sauer und beschließe, GPS-Waypoints zu notieren und zu veröffentlichen.

Hier sind sie:

  1. Man verlasse den Seekanal einige Schiffslängen westlich von Tonne 37 (einer grün-roten Abzweigungstonne) und passiere die Durchfahrt ins Haff möglichst nur gut 10 Meter vom westlichen Ufer entfernt.
  2. Man halte dann auf ein gut sichtbares rot-grünes Tonnenpaar zu, das in 0,6 Seemeilen Entfernung etwa auf Kurs 240° steht. Die Position der Tonnen ist: N 54° 41,135’ / E 020° 21,871’.
  3. Von dort geht es rund 0,7 Seemeilen etwa auf Kurs 237° zu einer Ansteuerungstonne auf Position N 54° 40,746’ / E 020° 20,842. Vorsicht: Genau auf der Standlinie zwischen dem Tonnenpaar und der Ansteuerungstonne, etwa auf halbem Wege, ragt ein hölzernes Hindernis aus dem Wasser, vermutlich der Rest eines Stellnetzes.
  4. Von hier sind es nur wenige Meter zum Waypoint N 54° 40,655’ / E 020° 20,943’, der südlich einer Reihe von Stellnetzen liegt.
  5. Von dort steuere man den Waypoint N 54° 40,328’ / E 020° 21,735’an, der etwa auf Kurs 115° liegt.
  6. Nun kann man bereits auf die sehr kleine Ansteuerungstonne des Yachtclubs zuhalten, die auf N 54° 40,159’ / E 020° 23,029’ liegt.
  7. Auf Kurs 140° sieht man nun in der Einfahrt zum Yachtclub Peilbaken. Man sollte sich auf den 0,25 Meilen bis zum Hafen genau auf Peillinie halten, denn besonders an Steuerbord ist es auch hier flach. Der Yachthafen liegt auf N 54° 39,962’ / E 020° 23,305’.

Die beschriebene Ansteuerung war für unsere 1,41 Meter Tiefgang problemlos; auf der Rückfahrt einige Tage später kamen wir erstmalig ohne Grundberührung durch. Laut unserem Echolot waren selbst an den flachsten Stellen noch mindestens 30 Zentimeter mehr drin. Natürlich ist diese Ansteuerung ohne jegliche Gewähr.

Der Ausschnitt aus einer deutschen Karte von 1938 zeigt: Man muss ein ausgedehntes Flach südlich umfahren. -- [Historischer Kartenausschnitt Pharus-Plan ( www.pharus-plan.de ) 'Samland 1938', lizensiert mit freundlicher Genehmigung von pharus-plan-media ( www.pharus-plan-media.de )]
Der Ausschnitt aus einer deutschen Karte von 1938 zeigt: Man muss ein ausgedehntes Flach südlich umfahren. -- [Historischer Kartenausschnitt Pharus-Plan ( www.pharus-plan.de ) 'Samland 1938', lizensiert mit freundlicher Genehmigung von pharus-plan-media ( www.pharus-plan-media.de )]

Um 9:40 legen wir vor Heckanker im Yachtclub an. Von Wolgast bis hier waren es genau 300 Seemeilen. Vor uns liegen vier Hafentage in der alten preußischen Königsstadt.

Der Yacht Club Kaliningrad
Der Yacht Club Kaliningrad

Vom Yachtclub aus erreicht man die einige Kilometer entfernt gelegene Innenstadt von Kaliningrad bequem mit dem Bus, der im Abstand von wenigen Minuten verkehrt.

Dienstag, 2. August 2005, bis Donnerstag, 4. August 2005

Äußerlich wirkt Kaliningrad sehr russisch. Dennoch ist seine Geschichte ist größtenteils deutsch.

Plattenbauten bestimmen das Bild der Innenstadt von Kaliningrad
Plattenbauten bestimmen das Bild der Innenstadt von Kaliningrad
Seit dem frühen Mittelalter unterstand das Gebiet um Königsberg dem Deutschen Orden und später dem Herzogtum Preußen. Ostpreußen, seit 1773 Teilprovinz Preußens, wurde nach dem ersten Weltkrieg 1919 durch den im Versailler Friedenvertrag festgelegten Polnischen Korridor vom übrigen Deutschen Reich abgetrennt (siehe auch: Gedenkstätte für General Haller von Hallenburg in Wladyslawowo). Im Jahr 1939 hatte Ostpreußen 2,5 Millionen Einwohner. Erst mit dem Ende des zweiten Weltkrieges endete die deutsche Epoche.

Auf der Potsdamer Konferenz wurde Ostpreußen 1945 in ein sowjetisch und ein polnisch verwaltetes Gebiet aufgeteilt. Der russische Teil mit der Hauptstadt Königsberg maß rund 15.000 Quadratkilometern und war um einiges kleiner als der polnische mit 22.000 Quadratkilometern. Am 4. Juli 1946, einen Tag nach dem Tod von Michail Kalinin, wurde Königsberg in Kaliningrad umbenannt. Kalinin war von 1926 bis zu seinem Tod als Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets gleichzeitig Staatsoberhaupt der Sowjetunion.

Ebenfalls 1946 wurde das gesamte Kaliningrader Gebiet militärisches Sperrgebiet. Ausländer durften gar nicht und Sowjetbürger nur mit Sondergenehmigung einreisen. Erst 1991 wurde die Exklave wieder frei zugänglich. Sie hat heute 927.000 Einwohner, davon leben 394.000 in der Metropole am Pregel.

Königsberger Dom
Königsberger Dom
Von der deutschen Geschichte ist kaum noch etwas im Stadtbild zu sehen: Das Königsberger Stadtschloss, das Jahrhunderte lang Residenz der preußischen Könige war und wo sich 1701 und 1861 preußische Könige krönen ließen, wurde zu Sowjetzeiten gesprengt. Der Königsberger Dom, dessen Bau um 1330 begonnen wurde, ist das einzige erhalten gebliebene, bedeutende Bauwerk des alten Königsberg. Dort befindet sich übrigens auch das Grab Immanuel Kants.

Doch so russisch das Kaliningrader Gebiet heute auch aussieht, die Russen in der Exklave haben mehrheitlich einen starken Hang zur deutschen Geschichte der Region. Immer wieder hört man den Satz: "Nach Moskau sind es 1.200 Kilometer, nach Berlin nur 600!" Zwar legt die russische Regierung nach wie vor großen Wert darauf, dass der deutsche Name der Stadt in allen offiziellen Zusammenhängen getilgt bleibt, aber die Einwohner nennen ihre Stadt lieber "Kenig" als Kaliningrad, der lokale Surfclub wurde "Kenig-Surf" getauft und Biermarken wie "Königsberg Pils" oder "Ostmark" verkaufen sich blendend. Und wer sich motorisiert, legt sich einen - zumeist gebrauchten - Wagen einer deutschen Marke zu.

Die orthodoxe Christus-Erlöser-Kathedrale (derzeit noch in Bau)
Die orthodoxe Christus-Erlöser-Kathedrale (derzeit noch in Bau)
Aber die Kaliningrader sind keineswegs gegen ihre russischen Wurzeln! Die Sprache und Schrift, die Küche, die russische Kunst oder die klassischen Rollen in der Familie, all das bedeutet ihnen viel und sie sind in manchem traditioneller als Deutsche. Aber die Sehnsucht vieler scheint einer Gesellschaft zu gelten, in der der Einzelne aus eigener Kraft sein Schicksal zu meistern in der Lage ist. In Russland ist das für viele Menschen noch immer in weitaus geringerem Maße realisierbar als in der Bundesrepublik – und wohl deshalb geht der Blick immer wieder nach Westen.

Vier Tage waren wir insgesamt in Kaliningrad und haben viel gesehen und erlebt. Zwei Sehenswürdigkeiten der Stadt sollen hier unbedingt genannt werden:

Claudia im U-Boot B-413
Claudia im U-Boot B-413

Das in der Innenstadt am Pregel gelegene Museum of the World Ocean ist zweifelsohne einen Besuch wert. Zwar sind die im Museumsgebäude gezeigten Ausstellungstücke eher nur von bescheidenem Umfang, die zwei davor auf dem Pregel liegenden Museumsschiffe sind jedoch echte Attraktionen. Das Unterseeboot B-413 stand bis 1999 in Diensten der russischen Flotte und ist damit eines der jüngsten Museums-U-Boote an den Küsten der Ostsee. Das auf dem 91,3 Meter langen Gefährt beschäftigte Museumspersonal ist übrigens mehrsprachig.

Hinter dem Unterseeboot liegt das Forschungsschiff "Vitiaz", das 1939 in Bremerhaven gebaut wurde. Von 1946 bis 1979 befuhr das Schiff unter sowjetischer Flagge auf ausgedehnten Forschungsreisen alle Ozeane. Es wurde äußerst liebevoll restauriert und kann komplett besichtigt werden.

Gedränge in der zentralen Markthalle
Gedränge in der zentralen Markthalle
Die zweite Empfehlung ist ein Besuch auf dem großen Markt der Stadt, der uns immer wieder angezogen hat. Man kann sich die Fülle an Waren, die auf einem russischen Markt feilgeboten werden, nicht vorstellen, wenn man es nicht einmal erlebt hat. Es mag damit zu tun haben, dass die industrielle Produktion von Lebensmitteln in Russland noch nicht in jenem Maße um sich gegriffen hat wie bei uns, oder es mag mit russischer Lebensweise und Traditionsbewusstsein zu tun haben - jedenfalls schmeckt vieles hier einfach so intensiv und natürlich, wie es unsereiner nur noch aus Kindheitstagen kennt. Schon einfache Dinge, wie Gurken oder ganz junger, noch weißer Tilsiter Käse, sind ein Hochgenuß - und in Dutzenden Qualitäten zu haben.

Highlight auf dem Markt: Stand mit koreanischen Spezialitäten
Highlight auf dem Markt: Stand mit koreanischen Spezialitäten
Als besondere Attraktion des Marktes gelten etliche Stände mit koreanischen Spezialitäten. Diverse köstliche Vorspeisen und Salate sind hier im Angebot, viele mit Meeresfrüchten und dem für Koreas Küche typischen Seetang. Die asiatische Küche hat in Russland große Bedeutung und das kommt nicht von ungefähr: Ignoriert man einmal, dass das Kaliningrader Gebiet eine Exklave Russlands ist, so ist (Nord-)Korea immerhin auch von hieraus ein Nachbarland!

Freitag, 5. August 2005

Wir haben die erhoffte Genehmigung zum Besuch von Baltijsk, wohin wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren wollten, nicht erhalten und beschließen, Kaliningrad in Richtung Pionerskij zu verlassen.

Gegen 11:40 Uhr legen wir ab und motoren durch Haff und Seekanal nach Baltijsk. Um 15:50 legen wir an der Zollpier an, und eine gute halbe Stunde später sind wir schon wieder unterwegs.

Nachdem uns Kaliningrad-47 (Baltijsk Traffic) schon bei der Einreise so freundlich geholfen hat, trauen wir uns, über Funkkanal 74 um die Genehmigung nachzusuchen, dicht unter der Küste Richtung Pionerskij zu fahren. Anstandlos erhalten wir die Erlaubnis.

Wegen schwachen Windes motoren wir an der Küste des Samlandes entlang. Knapp sieben Stunden sind wir unterwegs. Um 23:10 Uhr, kurz nach Einbrechen der Dunkelheit, erreichen wir den sehr einfach anzulaufenden Hafen von Pionerskij, wo wir auf dem Steg bereits von einer uniformierten Dame empfangen werden. Es interessiert sie nicht, dass wir uns mit einem double-entry-visa auf diesen Moment vorbereitet haben. Sie weiß, dass wir nicht von hoher See kommen und daher nicht ein zweites Mal in Russland einreisen. Unsere schönen teuren Visa sind also rausgeworfenes Geld!

Einige Tage später treffen wir im Hafen sogar deutsche Segler, die mit einem Einfach-Visum zunächst Kaliningrad und dann Pionerskij angelaufen haben. Dennoch ist wohl anzuraten: Wenn man auf "Nummer sicher" gehen möchte, sollte man auf die doppelte Einreise vorbereitet sein.

Sonnabend, 6. August 2005, und Sonntag, 7. August 2005

Schon vor unserer Reise haben wir viel von den Seebädern Swetlogorsk (deutsch: Rauschen) und Selenogradsk (deutsch: Cranz) gehört und unternehmen nun Exkursionen dorthin. Beide verfügen über einen schönen und belebten Strand, aber haben doch völlig unterschiedlichen Charakter.

Strand in Swetlogorsk
Strand in Swetlogorsk
Swetlogorsk ist eindeutig der bei Russen beliebtere Ort. Es herrscht Trubel am Strand und auf der Promenade. Man trifft hier die neue russische Mittelschicht aus allen Teilen des Landes, aber bisweilen auch dubiosen Geldadel. Und erst wenige Tage vor unserem Eintreffen hatte der russische Präsident Wladimir Putin Kanzler Gerhard Schröder hierhin eingeladen. Swetlogorsk ist ein moderner Ort, der den Touristen mit unzähligen Gaststätten, Läden und Freizeitangeboten alles bietet.

An einer gewissen Enge nimmt am Strand von Swetlogorsk niemand Anstoß
An einer gewissen Enge nimmt am Strand von Swetlogorsk niemand Anstoß

Selenogradsk hingegen ist eher ein hübsches verschlafenes Dorf, das sich vor langem dem Tourismus verschrieben hat, aber dennoch ländlich geblieben ist.

Übrigens: Der Fahrplan der Züge von Pionerskij nach Selenogradsk und Swetlogorsk (der zentrale Bahnhof heißt Swetlogorsk II) ist in Moskauer Zeit notiert! Man muss also eine Stunde abziehen, um auf die Kaliningrader Zeit umzurechnen.

Pionerskij (deutsch: Neukuhren) ist, wie Claudia es nennt, "ein Ort für den zweiten Blick". Wie Selenogradsk erscheint es zunächst eher dörflich. Doch es bietet nahezu alles, was das Seglerherz begehrt: einen Supermarkt mit großen Sortiment ("Kooperative"), diverse Gaststätten und sogar einen Baumarkt. Und man hat die Auswahl zwischen mehreren Internetcafes, eines davon befindet sich in der Post.

Montag, 8. August 2005

Am Abend gehen wir an einem der romantischsten Plätze von Pionerskij dinieren, dem "Cafe Bika", auf den Klippen über dem Meer. Wir essen eine ausgezeichnete Ucha, eine landestypische Fischsuppe aus Dorsch, Lachs und Stör. Der Sonnenuntergang ist einer der schönsten meines ganzen Seglerlebens. Mehrmals stehe ich auf und gehe ans Fenster, um das Naturschauspiel besser sehen zu können. Die Röte des Himmels ist betörend - und plötzlich schießt mir das alte deutsche Sprichwort in den Sinn: Abendrot, schlecht Wetter droht!

Dienstag, 9. August 2005

Als wir aufstehen, ist das Barometer seit dem Nachmittag des Vortages bereits um 11 Hektopascal gefallen. Wir fahren nach Swetlogorsk, um Besorgungen zu machen und ein wenig auf der Promenade zu spazieren. Doch am frühen Nachmittag setzt schwerer Regen ein - und starker Wind, der uns zunächst nicht bedrohlich vorkommt. Bis auf die Haut durchnässt nehmen wir ein Taxi zum Hafen in Pionerskij. Als wir ankommen, tobt dort ein Sturm.

Schon vom Steg aus sehen wir: Unser Großsegel flattert zerrissen im pfeifenden Unwetter. Wir hatten es nicht sehr fest auf den Baum gebunden und es hat sich mit den Böen aus den Bändseln befreit, ist mit einer Segellatte unter die Reling gekommen - und dann sind zwei Segelbahnen etwa einen Meter weit vom Achterliek nach vorn eingerissen.

Sturm im Hafen: Blick zur Hafenausfahrt hinaus
Sturm im Hafen: Blick zur Hafenausfahrt hinaus
Wir binden die Reste wieder auf dem Baum fest und verkriechen uns im Boot.

Und das Baro fällt weiter. Am Abend ist es innerhalb eines Tages um 18 Hektopascal gefallen und aus West blasen zehn Beaufort in den der Steilküste vorgebauten Hafen, den nur seine Mole schützt. Das Boot krängt in den Böen an der Mooring unter Topp und Takel bis zu 20 Grad. Ich habe fürchterliche Angst, dass sich unsere Saling dabei unter dem Vorstag einer knapp 20 Meter langen Luxusyacht verhakt, die in Luv neben uns liegt und ebensolche Bewegungen macht. Aber zum Glück ist das Schwanken beider Boote in den Sturmböen so synchron wie ein Ballett.

Draußen bläst der Sturm - aber zum Glück gibt es in Russland feine Getränke
Draußen bläst der Sturm - aber zum Glück gibt es in Russland feine Getränke

Was können wir tun? Nur abwarten und Wodka trinken! Claudia legt dann sogar noch einen Gruselfilm in den DVD-Player ein. Ich finde es eigentlich schon ohne den Film gruselig genug!

Mittwoch, 10. August 2005

Als der Sturm gegen 4:00 Uhr morgens endlich schwächer wird, hat das Baro innerhalb von 36 Stunden 24 Hektopascal verloren.

Regenbogen über dem Hafen von Pionerskij
Regenbogen über dem Hafen von Pionerskij
Der Sturm ist durch, aber der Regen wird noch zweieinhalb Tage länger in Strömen vom Himmel kommen. Der Tag geht damit drauf, die Reparatur des Segels zu organisieren. Valentin, der Hafenmeister, hilft uns nach Kräften. Es stellt sich heraus, dass es in Pionerskij und Umgebung keinen Segelmacher gibt, sondern nur im Kaliningrader Yachtclub, wo wir bereits einige Tage gelegen haben. Valentin organisiert einen Autotransfer für den kommenden Tag, denn heute sei die Straße nach Kaliningrad wegen eines umgefallenen Baumes nicht passierbar, wie er erzählt.

Donnerstag, 11. August 2005

Am Morgen warten Valentin und einer seiner Freunde zum vereinbarten Zeitpunkt mit einem Mercedes auf der Pier auf uns. Als wir durch die Kaliningrader Oblast fahren, sehen wir, dass der Sturm Dutzende von großen, alten Bäumen umgerissen hat. An etlichen Stellen hatten sie Straßen blockiert und ein Verkehrschaos ausgelöst. Später erfahren wir: Vor Klaipeda hat ein Segler sein Leben gelassen. Und der Sturm hat das gesamte Baltikum überzogen. In Helsinki mussten teilweise Wettbewerbe der Leichtathletik-Weltmeisterschaften ausfallen.

Freitag, 12. August 2005

Gegen 13:00 Uhr bringt Volodja, der Segelmacher, wie vereinbart unser Groß zurück. Die umfangreiche Reparatur ist perfekt ausgeführt! All meine Sorgen, dass vielleicht das Segel für eine Rückkehr über 300 Seemeilen auf der offenen Ostsee nicht mehr taugen könnte, sind mit einem Mal verflogen. Wir haben endlich wieder ein seegängiges Boot!

Wir müssen Pionerskij nun baldmöglichst verlassen, denn unser Reisezeitplan ist durch den Sturm komplett durcheinander geraten. Doch wie die Anreise erfordert auch die Abreise einiges an Überlegungen:

Der Wind hat mittlerweile auf Südwest zurückgedreht und bläst mit fünf bis sechs Beaufort. Wladyslawowo an Polens Nordküste anzulaufen, bedeutet also aufzukreuzen. Da unsere alte Stahlyacht nicht viel Höhe läuft, wird der Weg lang werden dorthin. Möglicherweise ist die schwedische Insel Öland einfacher zu erreichen. Bleibt es bei westlichen Winden ist danach der Weg an Schwedens Westküste deutlich angenehmer als weiteres Aufkreuzen an Polens Ostseeküste. Aber hier im Hafen, in der Landabdeckung der Samländischen Nordküste, können wir den Wind nicht genau bestimmen, der draußen herrscht. Es ist ungewiss, was für Kurse auf freier See möglich sein werden.

Und dann ist da noch ein anderes Problem: Vor der Küste des Kaliningrader Gebiets erstreckt sich ein gewaltiges militärisches Übungsgebiet, das annähernd die Ausmaße Schleswig-Holsteins hat. Es beginnt nördlich des Fahrwassers nach Baltijsk und reicht bis an die Litauische Seegrenze. Die Bereiche dicht vor der Küste gehören nicht dazu, allerdings mit einer Ausnahme: Bei Kap Taran, der nördwestlichen Ecke des Samlandes, ist eine Militäranlage an Land mit einbezogen, so dass man während der auch jetzt stattfindenden Schießübungen nicht an der Küste entlang in die Danziger Bucht zurückkommt.

Über Navtex haben wir erfahren, dass von Freitag um 20 Uhr bis Montag 6 Uhr vor Kap Taran Feuerpause herrschen wird. Wir müssen diese Zeit nutzen, wollen wir nicht erst 50 Seemeilen bis kurz vor das litauische Klaipeda dicht unter Land segeln, um das Übungsgebiet dort nördlich zu passieren.

Mein Plan: Sonnabend früh ablegen und erstmal quer durch das Gebiet auf die offene Ostsee. Dort können wir dann entscheiden, ob wir die Kurs auf die polnische oder die schwedische Küste nehmen. Im letzteren Fall müssen wir eine Nacht und einen weiteren Tag durchsegeln - zu zweit keine ganz bequeme Sache.

Ich sage Valentin, dem Hafenmeister, dass wir morgen früh fahren wollen. Wenig später, um 14:00 Uhr, steht der diensthabende Zollbeamte auf dem Steg vor unserem Boot. Eine Ausreise am Sonnabend sei nicht möglich, erklärt er in gebrochenem Englisch. Denn der Zoll tue nur an Werktagen Dienst. Und Freitags sogar nur bis 15:30 Uhr!

Wir argumentieren heftig und erklären, dass wir am Montag Kap Taran nicht passieren können, weil dort dann wieder geschossen wird. Und dass wir heute nicht fahren möchten, weil wir dann zwei Nächte auf See zubringen müssen, falls der Wind uns zwingt nach Schweden zu halten. Außerdem haben wir noch keinen ausführlichen Wetterbericht. Vor Schlägen wie dem bevorstehenden analysieren wir möglichst kurz vor dem Auslaufen die Karten des Wetterrechenzentrums im englischen Bracknell, die wir aus dem Internet herunterladen. Die Prognosen haben wir zuletzt am Donnerstag vormittags im Internetcafe angeschaut - und nicht einmal sehr sorgfältig, sondern nur, um die Großwetterlage nach dem Sturm zu überschauen. Dass ein Vertreter der Bürokratie uns nun ohne aktuellen Wetterbericht möglicherweise für zwei Nächte auf die Ostsee schicken möchte, behagt uns gar nicht.

Beratungen am Vorschiff: Hafenmeister Valentin unterstützt uns bei den Behörden
Beratungen am Vorschiff: Hafenmeister Valentin unterstützt uns bei den Behörden
Valentin, der unsere Not erkennt, setzt alle Hebel in Bewegung, telefoniert herum und sucht mit Claudia sogar die Leitung der Dienstelle im Verwaltungsgebäude des Hafens auf. Vergebens. Der Feierabend und das freie Wochenende unseres Zolloffiziers stehen wie eine Mauer. Zähneknirschend entscheide ich, dass wir sofort ausreisen – und nicht erst am Montag.

Wenig später sitzt unser Mann vom Zoll lächelnd bei uns im Salon und bearbeitet unsere Ausreisepapiere. Einige Schapps und Kartons werden stichprobenartig geöffnet. Aber die Prozedur ist wenige Minuten nach 15:30 Uhr beendet! So schnell war der russische Zoll bei uns an Bord noch nie fertig!

Wir befragen Valentin noch zu U-Boot-Manövern in einem weiter seewärts gelegenen Sektor des Übungsgebietes vor der Küste. Die Übungen werden am Wochenende nicht unterbrochen. Er meint, wir könnten diesen Sektor während der Übungen passieren. Wir sollten bei der Einfahrt aber per Funk eine Erlaubnis dazu einholen.

Und dann geht es hinaus auf die Ostsee.

Unter Motor erreichen wir wie geplant Kap Taran gegen kurz nach 18:00 Uhr und passieren innerhalb von einigen Stunden jenen Sektor des Übungsgebietes, in dem noch kurz zuvor die Schießübungen stattgefunden haben. Nun versucht Claudia über Funk anzumelden, dass wir durch das U-Boot-Manöver hindurchfahren wollen. Auf allen uns bekannten Kanälen sucht sie einen Verantwortlichen - ohne Erfolg. Zuletzt versucht sie es sogar mit "all ships", um bei russischen Schiffen zu erfragen, wie Sie die Militärs kontaktieren kann. Doch es bleibt stumm auf dem Funk.

Kurz vor Mitternacht segeln wir im zweiten Reff, allerdings noch mit Motorunterstützung, um mit mehr Höhe möglichst schnell Richtung Westen aus dem Übungsgebiet zu kommen. Plötzlich taucht vielleicht eine halbe Seemeile vor uns ein großes Schiff mit der Silhouette eines Kriegsschiffes auf. Langsam falle ich ab, um auszuweichen. Das Kriegsschiff ändert ebenfalls seinen Kurs - aber auch nach Nord, so dass wir uns erneut auf Kollisionskurs befinden. Fluchend lege ich wieder Ruder nach Backbord, um auszuweichen. Wieder ändert das Kriegsschiff seinen Kurs - als wollte es uns rammen. Ich fahre nun eine Wende, indem ich noch weiter nach Backbord steuere. Mein Fluchen wird dabei noch lauter. Mittlerweile dauern diese eigenartigen Manöver vielleicht schon Minuten.

Und so plötzlich, wie es begann, endet das eigenartige Schauspiel: Das Kriegsschiff wendet über Backbord und entschwindet mit voller Fahrt aus unserem Blickfeld. Wenig später kommt mir eine Idee, was das wohl war: Vermutlich sind wir einem U-Boot zu nahe gekommen. Das Kriegsschiff hat uns daraufhin abgedrängt. Als das U-Boot sich dann entfernt hatte, konnte auch sein Aufpasser abziehen.

Gegen Mitternacht haben wir etwa 30 Seemeilen geschafft.

Sonnabend, 13. August 2005

Die Nacht ist warm, der Wind hat 5 Beaufort und kommt von ein paar Grad westlicher als Südwest. Wladyslawowo ist verdammt weit weg bei diesem Wind. Während Claudia schläft, kalkuliere ich die beiden Optionen durch. Bei einem Kurs von 290 bis 300 Grad, den wir jetzt schaffen, kommen wir weit von der polnischen Küste ab. Wie ich vermutet hatte, wird der Weg nach Wladyslawowo somit so lang, dass Grönhögen an der Südspitze Ölands auch nicht wesentlich weiter entfernt ist. Ich checke das ganze mit unserem GPS durch, das dem Rudergänger in der Plicht zur Verfügung steht.

Als ich später ein wenig zu schlafen versuche, entdeckt Claudia den von mir aktivierten Waypoint Grönhögen im GPS. Wir sind bereits etwa zwölf Stunden auf See und nun stehen da 95 Seemeilen bis zum nächsten Waypoint auf der Anzeige. Nachdem ich aufgewacht bin, gibt es erst einmal eine heftige Diskussion. Ich gehe mit Claudia noch einmal alle Daten durch und zeige ihr, dass es nach Wladyslawowo nicht sehr viel näher ist. Und ich rufe ihr in Erinnerung, dass wir es später einfacher haben werden, der schwedischen Ostküste nach Südsüdwest zu folgen, als an Polens Nordküste weiter aufzukreuzen. Schließlich sind wir uns einig: Wir halten Kurs und unser Ziel heißt Schweden. Der Wind ist etwas abgeflaut, wir schütten das Reff aus und segeln schön am Wind.

Doch bereits zwei Stunden später hat der Wind wieder auf sechs Beaufort zugenommen. Und wir befinden uns auf dem offensten Teil der Ostsee, achtzig Seemeilen im Umkreis nur Wasser - und nach Südwesten sind es sicherlich zweihundert. Eine See beginnt sich aufzubauen, die uns einiges abverlangt. Gegen Mittag haben wir bereits zwei Meter hohe Wellen. Und am Nachmittag erreicht der Wind sieben Beaufort und die Seen messen drei Meter. Wir haben das zweite Reff eingebunden.

Hier kämpft Claudia mit 2 Meter hohen Wellen, später sind es sogar 3 Meter
Hier kämpft Claudia mit 2 Meter hohen Wellen, später sind es sogar 3 Meter

Bei solchem Seegang ist es natürlich unmöglich, hoch am Wind zu segeln, besonders mit unserer schweren Stahlyacht. Man muss die Wellen abreiten und dabei immer wieder leicht abfallen. Anderenfalls taucht man zu oft ein und Unmengen Wasser kommen über, was nicht zuletzt das Material belastet. Es ist nun absehbar, dass wir Grönhögen nicht erreichen, sondern um einiges nördlicher an die Küste Ölands kommen werden. Ich suche in Karten und Handbüchern nach einem Hafen, der voraus liegt. Die wenigen Häfen an der Ostküste von Schwedens längster Insel sind alle zu flach bis auf einen: Bläsinge.

Etwa gegen Mitternacht wird die See langsam ruhiger. Wir kommen dem schwedischen Festland näher. Und die Wellen, die uns jetzt von Backbord voraus entgegenkommen, haben schon deutlich weniger Seeraum gehabt, um sich aufzubauen, als jene am Nachmittag.

Sonntag, 14. August 2005

Um 6:45 Uhr MESZ legen wir nach rund 40 Stunden und 164 Seemeilen auf See in Bläsinge auf Öland an.

Weiter: Teil 2: Ein kurzer Abstecher nach Schweden





Von unseren Besuchern verfasste Ergänzungen

Russische Visa

Bin in 2005 ebenfalls nach Kaliningrad gesegelt und war vom 30.6. - 3.7.05 dort. Zur Ausreise über Pillau/Baltijsk:
Bei der Abmeldung von der der Miliz und Zoll in Baltiisk habe ich die Miliz darauf hingewiesen, daß wir noch nach Pionersk segeln wollen und und habe Ihr gesagt, dort anzurufen und unsere Ankunft mitzuteielen.. Wir sind dann ohne Probleme an der russischen Küste hochgesegelt Palmnicken, Brüsterort, Rauschen und dann nach Pionersk (Neu-Kuhren). Die Küstenwache beäugte uns wie das so üblich ist. Von Pionersk sind wir dann nach Klaipeda (Memel) gesegelt. Übrigens Pionersk hat einen schönen Schlengel. Toiletten gibts bei der Hafenadministration.

Hans-Jürgen Paetsch, Hamburg
Deutschland



Auskunft des Deutschen Generalkonsulats Kaliningrad

Auf Anfrage teilte das Deutsche Generalkonsulat Kaliningrad zu der Frage, was für ein Visum für das aufeinanderfolgende Anlaufen der beiden Häfen in Kaliningrad und Pionerskij erforderlich ist, am 25. Oktober 2005 mit:

"Das Generalkonsulat hat leider bisher keine Antwort auf unsere Anfrage bei den zuständigen russischen Behörden erhalten hinsichtlich der Frage nach den erforderlichen Visum bei der Ein/Ausreise auf dem Seeweg.

Im Einzelfall werden auch die Grenzbehörden selbst die genauen Regeln nicht kennen und werden auch aus einer gewissen Unsicherheit heraus ein Mehrfachvisum verlangen.

Solange keine klare Regelung zu den von Ihnen aufgeworfenen Fragen dem Generalkonsulat vorliegen, empfehlen wir allen Seglern, mit einem (wenn auch sehr teueren) Mehrfachvisum oder zumindest mit einem Visum gültig für zwei Einreisen, die Reise zu unternehmen."


Thomas Hillebrand
Deutschland



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