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Ein kurzer Abstecher nach Schweden |
Von Thomas Hillebrand
(Teil 3 eines mehrteiligen Reiseberichts)
Sonntag, 14. August 2005
 | | Bläsinge: Mehr als ein Fluchthafen |
|  | Kommt man nach knapp zwei Tagen und zwei Nächten auf dem Wasser endlich in einen Hafen, findet man ihn wohl fast immer schön. Aber Bläsinge an der Ostküste von Öland ist, das sei gesagt, wirklich traumhaft. Wir haben den kleinen Fischereihafen angelaufen, weil es von der offenen Ostsee aus im Umkreis von rund 50 Seemeilen der einzige ausreichend tiefe Hafen ist. Aber schon beim Einlaufen sehen wir, dass dies wahrlich kein "Fluchthafen" ist.
Wir legen uns erst einmal aufs Ohr. In den beiden Nächten auf See hat Claudia keinen Schlaf gefunden, ich vielleicht jeweils zwei Stunden. Ungestört können wir nun bis zum frühen Nachmittag ruhen.
 | | Gefiederpflege: Dass man soviel besitzt, was nass werden kann... |
|  | Und dann beginnt die Gefiederpflege, wie Claudia es nennt: Mehrfach waren am Vortag brechende Wellen übergekommen. Es mag in Wirklichkeit weniger sein, aber es kommt einem vor, als wenn eine Badewanne voll Wasser über Schandeck und Rudergänger ausgeschüttet würde. Auch wenn wir über recht gute Segelkleidung verfügen - alles ist nahezu komplett durchnässt. Und ein paar Liter einer solchen Wassermenge finden immer ihren Weg ins Boot. Gerne natürlich über das Logbuch, die Seekarten oder die Polster. An diesem Sonntag ist endlich die Sonne wieder voll da - und wir platzieren alles Mögliche irgendwo an Deck zum Trocknen.
Und dann die Körperpflege: Da der Hafen in Pionerskij nicht über eine Dusche verfügt, sind wir diesbezüglich in einer echten Notlage - nur soviel sei hier angedeutet. "Ich kläre mal, wo hier die Duschen sind", sage ich zu Claudia. "Ich glaube nicht, dass es hier eine Dusche gibt", kommt es gepaart mit einer pessimistischen Miene zurück. "Das wäre der erste schwedische Hafen ohne ein schickes und gepflegtes Duschhäuschen, den ich angelaufen habe", behaupte ich siegesgewiss - und mache mich auf den Weg. Ich frage mich auf Englisch durch bei den wenigen Leuten, die ich an dem kleinen Hafenbecken sehe (in Skandinavien spricht fast jeder recht ordentliches Englisch). "Eine Dusche? Gibt es hier nicht!" Das höre ich zwei, drei Mal. Einer verweist mich immerhin auf den Vorsitzenden der lokalen Fischereigenossenschaft, der etwas entfernt an seinem Kutter werkelt.
Doch plötzlich sehe ich durch eine geöffnete Tür im kleinen Gebäude der Genossenschaft eine Dame im besten Alter mit Putzeimer, Schrubber und Wischtuch hantieren, in einer - schicken und gepflegten Dusche! Im Nu stehe ich vor ihr und frage, wie und wann ich hier duschen könne. "Diese Dusche ist nur für die Fischer", bescheidet sie mir in entschlossenem Ton. Und, als wolle sie den Schmerz noch etwas verstärken, fügt sie hinzu: "Die Liegegebühr für Ihr Boot beträgt 100 Kronen!" Ich murmele etwas von "kein Geld dabei" und ziehe mich zurück in Richtung unseres Boots.
Wenn man zehn Tage ohne ein Brausebad war und dann, nur einen Meter von dem Ort des Begehrens entfernt, abgewiesen wird - das setzt letzte Kräfte frei! Ich habe einen Plan! An unser Boot zurückgekehrt hole ich mir in aller Ruhe 100 Kronen aus der Devisenkasse. Als ich wieder an Land stehe, ist die Putzaktion erwartungsgemäß zu Ende, die Duschtür geschlossen und die Dame verschwunden.
Ich suche nun den Vorsitzenden der Fischereigenossenschaft an seinem Kutter auf und finde ihn in seiner Hütte gegenüber der Pier. Ich gebe zunächst vor, bezahlen zu wollen und reiche ihm die 100 Kronen. Beiläufig frage ich dann: "Und wo können wir duschen?" "Eine Dusche gibt es hier nicht", lautet - wie kaum anders zu erwarten - die Antwort. Und sein Blick geht irgendwo in die Tiefe seiner Werkbank. Nun kommt mein Trumpf: "Und was ist mit der schönen Dusche, die dort drüben eben gerade gereinigt wurde?", frage ich. Die Antwort hat keine Worte: Wie ein beim Abschreiben ertappter Schüler grinsend greift er, ohne den Blick von mir zu wenden, neben sich an die Wand, nimmt seinen Schlüssel zur Dusche von einem Haken und hält ihn mir hin. Es ist mehr als ein Sprichwort: Skandinavier können nicht lügen, jedenfalls nicht wirklich konsequent! Und das macht sie wahrhaft sympathisch und hilft einem, wenn man es weiß, manchmal aus der Not.
 | | Feuchtwiesen bei Bläsinge |
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Nachdem wir geduscht und ein paar Flaschen deutschen Bieres verteilt haben, werden wir im Hafen schon wie alte Freunde behandelt. Wir bekommen aus dem Kühlhaus der Genossenschaft frischen Ostseelachs verkauft. Das Abendessen wird also standesgemäß - wie es sich für heimgekehrte Hochseesegler gehört.
 | | Skandinavisches Abendlicht ist wirklich etwas Besonders |
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Montag, 15. August 2005
Nach tiefem und erholsamem Schlaf laufen wir bereits um 6:30 Uhr aus. Ein Wind ist kaum spürbar heute, und das wollen wir zu einem längeren Schlag unter Motor nutzen, um noch einmal etwas dafür zu tun, dass unsere Reisepläne zeitlich aufgehen, denn sieben Tage später sollen wir wieder am Schreibtisch sitzen - und wir sind noch rund 230 Seemeilen vom Heimathafen entfernt.
 | | Sonnenaufgang in Bläsinge |
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Doch gegen 8:00 Uhr laufen wir in eine Nebelbank, die sich vom Land her auf das Wasser ausbreitet. Nicht ungewöhnlich nach regnerischen Tagen, wenn das erste Hoch im Anmarsch ist - aber ärgerlich. Hätten wir nicht mal etwas einfachere Wetterbedingungen verdient? Zum Glück bleibt die Sichtweite so, dass ich im Ernstfall ein aufkommendes Schiff gerade noch rechtzeitig erkennen könnte, um ihm auszuweichen. Vor ein paar Jahren haben wir im Kalmarsund, auf der anderen Seite Ölands, einmal Nebel mit einer Sichtweite von gerade 10 Metern erlebt. Und dann - wir konnte es nur hören - war plötzlich irgendwo ein Schiff neben uns. Dies war in siebzehn Jahren Segelei eines meiner beängstigendsten Erlebnisse auf dem Wasser.
 | | Voraus nichts als 'dicke Suppe' |
|  | Gegen 11:50 Uhr passieren wir Ölands Södra Udde, das Südkap der Insel, das wir im dichten Nebel nur ahnen können. Einige Seemeilen nördlich von hier, an der Westküste, liegt Grönhögen, das wir ursprünglich anlaufen wollten. Wir haben dort schon einige Male gelegen. Auch Grönhögen ist ein für weite Schläge über die zentrale Ostsee strategisch günstig gelegener Hafen. Aber nicht ganz so überwältigend schön wie Bläsinge. Erwähnt werden muss aber eine besondere Attraktion von Grönhögen: Direkt nördlich vom Hafen besteht der Strand am Kalmarsund aus losem Kalkgestein. Mit einem Hämmerchen ausgestattet finden hier selbst ungeübte Sucher leicht Ammoniten und andere Versteinerungen urgeschichtlicher Kreaturen. Mir ist dort sogar schon eine so genannte Druse, ein kristallgefüllter hohler Stein, in die Hände gefallen.
Erst am frühen Nachmittag, nachdem wir das viel befahrene Kalmarfahrwasser gekreuzt haben, ist der Nebel endlich verflogen.
Um 18:40 laufen wir in die Karlskronaer Schären ein. Eine Stunde später liegen wir nach 70 Seemeilen im Yachthafen der Stadt.
Dienstag, 16. August 2005
 | | Karlskrona: Straßencafes finden sich hier viele |
|  | Wir sind wieder im Zeitplan und gönnen uns einen Hafentag in Karlskrona, der Stadt im Wasser.
Karlskrona liegt im südlichsten Schären-Revier Schwedens im Norden der Hanö-Bucht - errichtet auf dreiunddreißig Inseln. Nur die nördlichsten Stadtteile haben sich mittlerweile auf das Festland vorgearbeitet. Die Innenstadt befindet sich auf der Insel Trossö.
Der schwedische König Karl XI (*1655, +1697) ließ die Stadt 1680 erbauen, um einen gut geschützten und eisfreien Hafen für seine Kriegsflotte zu haben. Karlskrona wuchs schnell und war lange Zeit, nach Stockholm, Schwedens zweitgrößte Stadt.
 | | Standbild des Stadtgründers Karl XI |
|  | Auf dem Stortorget, dem großen Platz im Zentrum, steht das Standbild des Stadtgründers Karl XI gegenüber der Fredrikskyrke.
Dringend zum Besuch empfohlen: das Marinemuseum. Es widmet sich der militärischen Bedeutung Karlskronas von den Zeiten Karls XI bis in die Gegenwart. Ein dort akribisch dokumentiertes Ereignis aus jüngster Vergangenheit hat uns am meisten beeindruckt: Im Jahr 1981 fuhr sich ein sowjetisches U-Boot auf einer Spionagefahrt in den Karlskronaer Schären fest und benötigte schwedische Hilfe, um wieder frei zu kommen. Die Schweden spielten dabei auf Zeit. Sie wollten möglichst viel über die Eindringlinge in Erfahrung bringen. Was letztlich auch gelang: Der schwedische Geheimdienst konnte während der Aktion mittels versteckter Messungen per Geigerzähler von einem der Hilfsschiffe aus nachweisen, dass die U-137 bei ihrer Spionagefahrt sogar Atomwaffen an Bord hatte.
Mittwoch, 17. August 2005
Bei wunderbarem Wetter legen wir gegen 8:30 Uhr ab, um Schweden in Richtung Dänemark zu verlassen. Unser Ziel ist die Insel Christiansö nördlich von Bornholm. Hoch am Wind quälen wir uns über 13 Stunden dem Eiland entgegen. Als wir schließlich dort sind, ist es bereits fast dunkel und unser beabsichtigter Restaurantbesuch fällt ins Wasser. Immerhin erleben wir in der Dämmerung einen wunderschönen Mondaufgang.
 | | Mondaufgang |
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Weiter: Teil 4: Bornholm: Der Osten des dänischen Inselreichs
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Online-Logbücher - Schwedische Ostseeküste
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