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Kojencharter auf den Kapverden |
Autor: Thomas Hillebrand
Grenzen auf dem Atlantik
Werner hatte sich gerade erst an Lee übergeben. Als das Kommando zum Bergen der riesigen Segel kam, war er bereits wieder als einer der ersten zur Stelle und griff beherzt ins Tauwerk. Der groß gewachsene athletische Rentner aus Sachsen schenkte sich nichts auf seinem ersten Atlantik-Segeltörn.
 | | Das Großsegel wird gesetzt |
|  | Der 40-Meter-Schoner war auf seine mitsegelnden Gäste angewiesen: Den Ruder gehenden Skipper und die Köchin abgerechnet waren nur zwei Besatzungsmitglieder da, um Segel zu setzen. Zu wenig angesichts der gewaltigen Gaffelsegel.
Und so war Werner, wo er sein musste: mal, als ein Haufen Elend, an der Reling, mal, als energischer Decksmann, am Fall.
Erst recht aber beeindruckte mich seine Offenheit, als er abends - das Schiff lag mittlerweile ruhig vor Anker - für sich und seine Frau resümierte: "Wir wollten mal an unsere Grenzen kommen. Das haben wir nun geschafft."
Einen zweiwöchigen Törn auf den Kapverdischen Inseln hatten wir gebucht, Mitsegeln auf einem Großsegler. Sieben Tage waren wir auf dem Atlantik unterwegs, um fünf der neun Inseln zu sehen. Dabei ging der längste Schlag über einhundert Seemeilen und das Schlingern auf dem achtzehnstündigen Raumschotkurs zwang nicht nur Werner an die Reling.
Wie unrealistisch man eine solche Reise einschätzen kann, erlebte eine Familie mit zwei kleinen Töchtern. Auf jedem unserer Schläge durch den Archipel saßen die vier seekrank im Salon, den Eimer neben sich, denn zur Reling hätte es zu weit sein können. Die Mutter, raunte mir irgendwann ein Mitsegler zu, habe erwartet an einer Kreuzfahrt teilzunehmen.
Santa Maria/Sal - Tarrafal/São Nicolau (98 sm)
Um kurz nach sechs heißt es: "Anker auf!" Aard, unser holländischer Skipper, will den längsten Schlag des gesamten Törns früh angehen. Rund 100 Seemeilen liegen vor uns.
 | | Noch ein bisschen... |
|  | Wir wollen die Inseln über dem Wind ersegeln, die Ilhas do Barlavento: Sal, São Nicolau, Santo Antao, São Vicente und Boavista. Sie liegen von Sal, wo wir eingeschifft haben, in westnordwestlicher Richtung aufgereiht. Wir werden auf dem Hinweg halben bis raumen Wind haben und auf dem Rückweg am Wind segeln können.
An die Inseln unter dem Wind sollte man sich jetzt im März oder April möglichst nicht heranwagen, erklärt mir Aard später. Denn der Rückweg von Brava über Fogo und Santiago (portugiesisch auch: São Tiago) nach Maio führe genau gegen den Passat und zudem gegen den Kanarenstrom an und man müsse beständig aufkreuzen. Allenfalls im Sommer, wenn der Nordostpassat nur schwach weht und oft sogar einschläft, könne man die Ihlas do Sotavento mit Motorunterstützung leicht bewältigen.
Gegen ein Uhr nachts fällt endlich der Anker in der Bucht von Tarrafal vor der Insel São Nicolau. Orte mit dem Namen Tarrafal gebe es überall auf den Kapverden, meint Aard über die Seekarte gebeugt. Der Name bedeute, dass man hier den besten Schutz vor Wind und Schwell finde. Die meisten Orte dieses Namens lägen jeweils im Westen ihrer Insel.
 | | Laufendes Gut ohne Ende... |
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Das Wasser bleibt die Nacht über glatt. Wir schlafen tief und fest.
Das grüne Kap
Wer ein wenig portugiesisch versteht und bei dem Namen Ilhas de Cabo Verde, zu Deutsch "Inseln des grünen Kaps", an tropisch grüne Inseln denkt, irrt. Die Portugiesen tauften den Archipel einst, so vermutet man heute, nur aus einem banalen Grund so: Wegen begrenzter navigatorischer Möglichkeiten liefen die Kapitäne im fünfzehnten Jahrhundert die Inseln an, indem Sie bis zum Cabo Verde, dem Grünen Kap an der westafrikanischen Küste, segelten und dann genau nach West hielten. Die Kapverden, auf die sie einige hundert Seemeilen später stießen, waren jedoch bereits damals überhaupt nicht grün, sondern größtenteils Wüste.
 | | Kapverdische Inseln: überwiegend Wüstenlandschaft |
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Dennoch hatten sie fünfhundert Jahre lang große Bedeutung für das portugiesische Weltreich.
Infante Dom Henrique o Navegador, auch als "Heinrich der Seefahrer" bekannter Prinz des portugiesischen Königshauses, sah die Zukunft Portugals in der Seefahrt. Sein ehrgeizigstes Ziel: Durch die Entdeckung eines Seeweges nach Indien und weiter zu den Gewürzinseln (Indonesien) sollten portugiesische Kaufleute wertvolle asiatische Waren direkt einkaufen können. Die ansehnlichen Handelsspannen persischer und arabischer Zwischenhändler, so die Absicht, sollten in portugiesische Taschen fließen.
 | | Kapverden: karg, aber strategisch günstig gelegen |
|  | Ab 1418 finanzierte Henrique Entdeckungsfahrten entlang der afrikanischen Küste. Knapp vierzig Jahre später wurden die bis dahin unbewohnten Kapverden entdeckt. Ein Jahr nach dem Tod des Prinzen, im Jahr 1461, begann deren Besiedelung.
Im Jahr 1494 einigten sich beiden Weltmächte Portugal und Spanien auf Betreiben von Papst Alexander VI im Vertrag von Tordesillas darauf, die Welt an einer Linie bei 46° 37' West aufzuteilen. Portugal sicherte sich die östliche Hälfte, die Afrika und das östliche Brasilien einschloss. Bei der Entdeckung und Eroberung portugiesischer Kolonien wie Guinea-Bissau, Brasilien, Angola, Mosambik, Goa (in Indien), Macao (in China) und Ost-Timor waren die Kapverden von nun an wichtiger strategischer Brückenkopf im Atlantik.
So macht drei Jahre später auf der Kapverdeninsel São Tiago der Portugiese Vasco da Gama für eine Woche fest. Am 3. August 1497 lässt er die Anker aufholen, um die Mission Heinrichs des Seefahrers endlich zu erfüllen - er entdeckt in den folgenden neun Monaten den Seeweg nach Indien.
São Nicolau
An diesem Samstagmorgen erwartet uns ein junger Kapverdier mit seinem Aluguer, einem Sammeltaxi, auf der Pier im Hafen von Tarrafal.
 | | Tarrafal im Morgenlicht |
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Antonio spricht perfekt Englisch und hat es damit in das Telefonbüchlein unseres Skippers geschafft. Toy werde er gerufen, sagt er, das sollten wir ruhig auch so halten. Er zeigt uns einen Tag lang seine Insel.
 | | Toy zeigt uns São Nicolau |
|  | Toy hält kurz an einer öffentlichen Wasserstelle und erläutert uns: Die meisten Häuser auf den Kapverden haben kein fließendes Wasser. Viele Dörfer besitzen bestenfalls eine zentrale Wasserstelle, bei der Wasser gegen Bezahlung in mitgebrachte Kanister gefüllt wird. Manche Dörfer verfügen nicht einmal über eine solche Versorgung, sondern Wasser muss - teilweise mit dem Esel über schmale Pfade - aus einem Nachbarort geholt werden.
Toy erzählt uns, dass sein in einem kleinen, fruchtbaren Tal gelegenes Heimatdorf erst seit 1994 mit dem Auto erreichbar ist. Die steinige Piste endete vorher in rund zwei Kilometer Entfernung. Von dort aus erreichte man das Dorf auf einem Gebirgspfad, über den auch jegliche Transporte stattfanden. Entweder balancierten die Frauen des Dorfes ihre Güter auf dem Kopf oder man bepackte Esel.
Drei Monate im Jahr fällt ein wenig Regen, ansonsten ist Landwirtschaft nur an den oft wolkenverhangenen Nordküsten der Inseln möglich, aber natürlich nur da, wo der Boden, der vielerorts aus unfruchtbarem nacktem Lavagestein besteht, dies hergibt. Die Produktion der eigenen Landwirtschaft reicht daher nicht zur Versorgung des Landes aus, sondern es muss vieles importiert werden.
Die Handelsbilanz des Landes wäre hochgradig defizitär, wäre da nicht ein stetiger Geldstrom der kapverdischen Emigranten, die aus dem Ausland für ihre Angehörigen sorgen. Denn seit Jahrhunderten treibt die Armut die Menschen aus dem Land, so dass heute mehr Kapverdier im Ausland leben als auf dem heimischen Archipel.
Man könnte deshalb erwarten, dass Touristen viel mit Bettelei oder gar Kriminalität zu rechnen hätten. Doch dem ist nicht so. Auch wenn es in den großen Städten gelegentlich zu Überfällen auf Touristen gekommen sein soll, kann man sich am Tage frei und unbehelligt bewegen. Dies ist sicherlich auch eine Folge des rechtsstaatlichen Selbstverständnisses der jungen Republik, die zu den demokratischsten Staaten Afrikas gezählt wird.
 | | Der Ministerpräsident auf dem Marktplatz |
|  | Als hätte es noch eines Beweises von Sicherheit und Ordnung bedurft, gerieten wir am Nachmittag in eine Situation, die in Deutschland so kaum noch denkbar wäre: Anlässlich der Einweihung einer Kirche bewegte sich José Maria Neves, der amtierende Ministerpräsident des Landes, auf dem Marktplatz der Inselhauptstadt Ribeira Brava frei unter der Bevölkerung - ohne sichtbaren Polizeischutz, ohne Personen- oder Taschenkontrollen der Schaulustigen, ganz so, als wollte er demonstrieren, dass gewaltsame Angriffe auf Spitzenpolitiker etwas seien, dass man auf den Kapverden nur aus dem Fernsehen kennt.
Es waren übrigens die portugiesischen Kolonien und allen voran die Kapverden, die in den 1970er Jahren den Untergang es Salazar-Regimes einläuteten und Portugal somit die Demokratie bescherten. Ein Jahr nach der Nelkenrevolution und freien Wahlen in Portugal wurden die Kapverden 1975 unabhängig. Es sei gut, dass die Kapverden keine Kolonie mehr seien, meint Toy. Dennoch sei auch die Geschichte der Unabhängigkeit nicht ohne Tragik: Denn das Land sei fünfhundert Jahre von Portugal ausgebeutet worden und dann nur elf Jahre vor dem EU-Beitritt des Mutterlandes in eine reichlich ungewisse Zukunft entlassen worden. Als Teil Portugals und damit der EU, glaubt Toy, wären die Kapverden heute sicherlich deutlich weniger von Armut geprägt.
Tarrafal/São Nicolau - Porto Novo/Santo Antao (49 sm)
Nach dem Frühstück laufen wir aus der Bucht aus auf den Atlantik. Bei wunderbarem Wetter erleben wir, dass wir hier draußen nicht allein sind. Schon nach ein paar Seemeilen sehen wir die ersten fliegenden Fische, unterarmlange silbern glänzende Wesen, die mit schnellem Flattern ihrer großen Brustflossen Entfernungen von fünfzig Metern durch die Luft mühelos zurücklegen und dabei sogar Kurven fliegen können, ehe sie klatschend wieder ins Nass des Ozeans eintauchen.
 | | Ein Grindwal taucht auf |
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Wenig später kommen uns ein halbes Dutzend Grindwale entgegen. Die bis zu sechs Meter langen Meeressäuger trifft man hier häufig an. Zur richtigen Zeit, von Dezember bis März, könne man auch Pottwale sehen, erzählt Aard, unser Skipper. Die Wale zögen im Schutz der Inseln ihre Jungen auf. Sie fänden hier jedoch keine Nahrung und wanderten nach vier Monaten wieder in kalte Gewässer. Wir haben Pech: Es ist Anfang April und alles verzweifelte Ausschau halten nützt nichts: Die großen Wale sind weg.
 | | Flugkünstler im Wind: Kapverden-Sturmtaucher |
|  | Dafür sehen wir zuhauf Kapverden-sturmtaucher (Calonectris edwardsii), die mit ihrer gewaltigen Spannweite von einem Meter zwanzig ohne Flügelschlag durch den Wind gleiten. Ihre größten Brutplätze liegen auf den Inseln unter dem Wind, eine kleine Brutkolonie existiert jedoch auch auf São Nicolau. Außerhalb der Brutzeit leben die fantastischen Flieger ausschließlich hier draußen auf dem Ozean.
Santo Antao
Santo Antao gilt als die grünste der Inseln über dem Wind. Das hängt damit zusammen, dass sie am höchsten aus dem Meer aufragt.
 | | Wolken über der Insel: Santo Antao von oben |
|  | Der höchste Berg der Insel, der Topo de Coroa misst 1979 Meter. Wenn der warme Nordostpassat, der über dem Atlantik Feuchtigkeit aufgenommen hat, auf die Berge Santo Antaos trifft und von den Hindernissen in die Höhe gezwungen wird, kühlt er ab. Alle hundert Meter, die es hinauf geht, wird die Luft ein Grad kühler, wobei ihre Aufnahmefähigkeit für Wasserdampf sinkt. Je nach Wetterlage beginnt irgendwo zwischen 800 und 1.500 Metern der Kondensationsprozess und Nebel und Wolken entstehen. Sie befeuchten die Erde und machen das Land fruchtbar.
Wir haben Zeit für eine beeindruckende Wanderung durch diese Landschaft. Ein Aluguer bringt uns in die Caldera des erloschenen Vulkans Cova auf 1.170 Meter Höhe. Zu Fuß geht es von dort nach Nordost auf einen Pass auf 1.300 Metern. Dort ändert sich auf einer Entfernung von nur wenigen Schritten das Klima komplett: Sonne und Hitze liegen hinter uns, vor uns ist es kalt, feucht und düster. Ein verwundener Eselspfad schlängelt sich an einer steilen Bergwand ins Ribeira do Paúl, ein langgestrecktes Tal, in dem es grünt wie im Regenwald. Hier wird auf jedem Quadratmeter Landwirtschaft betrieben - selbst an den steilsten, kaum zugänglichen Stellen.
 | | Der Pfad ins Ribeira do Paúl |
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Natürlich haben die hohen Berge nicht nur auf die Natur an Land solch großen Einfluss. Segler sollten bedenken: Insbesondere bei den hohen Inseln lauern auch Fallwinde, Starkwindzonen sowie Kap- und Düseneffekte. Wie beispielsweise auch von den Kanaren bekannt kann die Windgeschwindigkeit nahe bei hohen Inseln und besonders in nordöstlich verlaufenden Meerengen um bis zu drei Beaufort ansteigen. Solche wind acceleration zones sind zwar üblicherweise räumlich nicht allzu ausgedehnt und daher auch ohne hohe Seen, aber man sollte gerefft haben, bevor man hinein segelt!
Porto Novo/Santo Antao - Mindelo/São Vicente (9 sm)
Nach dem Inselausflug geht es noch hinaus. In der untergehenden Sonne überqueren wir Canal de São Vicente, die Meerenge zwischen Santo Antao und São Vicente, und laufen in die kreisrunde Bucht Porto Grande ein, einen vollgelaufenen Vulkankrater, der als der sicherste Hafen im mittleren Atlantik gilt.
 | | Frachter auf Reede vor Mindelo |
|  | Im Osten der Stadt thront die 1852 erbaute portugiesische Festungsanlage Fortim d'El Rei über der Bucht, im Westen der Berg Monte Cara, dessen höchste Erhebung aussieht wie das Gesicht eines auf dem Rücken liegenden Menschen. Dutzende von Frachtern ankern im ruhigen Wasser auf der Reede.
São Vicente
Bis zum 11. Juni 1838 war Mindelo (betont wird die zweite Silbe des Namens) Hauptstadt der Kapverden, ehe ein ministerielles Dekret Praia auf Santiago diese Funktion übertrug. Dennoch hat sich Mindelo, das mit knapp 70.000 Einwohnern nach Praia zweitgrößte Stadt der Kapverden ist, als kulturelles Zentrum der Inseln behauptet.
 | | Der Torre de Belém dominiert die Hafenkulisse |
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Weil in der Altstadt der koloniale Baustil so originalgetreu konserviert ist, hat die Unesco die Gebäude am Ufer der Bucht zum Weltkulturerbe erklärt. Die Silhouette des Hafens wird dominiert von einem Turm im Stil der so genannten manuelinischer Baukunst, dem Torre de Belém. Das erst 1921 fertig gestellte Bauwerk ist eine nicht ganz exakte Kopie der gleichnamigen, genau vier Jahrhunderte zuvor errichteten Bastion an der Mündung des Tejo in Lissabon, die portugiesische Seefahrer auf dem Weg auf die See hinaus passierten.
Nicht nur die Portugiesen waren hier: Zwischen 1838 bis 1945 war der westliche Teil des Hafens in englischer Hand. Die britische Handelsmarine bunkerte auf Atlantiküberquerungen hier im Hafen Kohle.
 | | Süßwarenverkauf am Straßenrand |
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Mindelo sei Musik, haben wir gelesen. Und genau so ist es - nicht nur im hier prächtig gefeierten Karneval oder im August, wenn außerhalb der Stadt das Festival de Baia das Gatas, das größte Musikfestival Afrikas, stattfindet. Als wir am Mittwochabend durch das Hafenviertel ziehen, haben wir in fußläufiger Nähe die Wahl zwischen einem halben Dutzend Bars mit Live-Musik. Wir landen in der Pastelaria Algarve, wo eine Gruppe aus vier Musikern ihr Publikum mit Morna und Coladera gefangen nimmt, den manchmal ein wenig traurig klingenden, aber immer rhythmisch ausgefeilten Musikstilen des Landes.
Alle Musiker hier, so erzählt man sich, träumen davon, es eines Tages der großen Sängerin Cesária Évora nachzutun, die 1941 in Mindelo geboren wurde. Sie tingelte ein halbes Leben durch die Bars der Stadt, ehe sie - erst im Alter von 44 Jahren - entdeckt wurde und international Karriere machte. Die meisten Themen ihrer mit dunkler Stimme vorgetragenen Lieder sind melancholisch: die bittere Geschichte von Cabo Verde, der Sklavenhandel und das Los der Emigranten. Als Zeichen ihrer Solidarität mit den Armen und Obdachlosen des Landes tritt Cesária Évora barfüßig auf. Sie wird deshalb auch "Diva dos Pés Descalços" (Barfüßige Diva) genannt.
Sklaverei
Bereits wenige Jahre nach dem Beginn der Besiedelung der Kapverden erhielten die ersten portugiesischen Siedler vom König das Recht, westafrikanische Ureinwohner als Sklaven auf die Inseln verschleppen und mit ihnen handeln zu dürfen. Auf Plantagen mussten die Leibeigenen Zuckerrohr, Kaffee und tropische Früchte anbauen. Bereits gut einhundert Jahre später, 1582, zählte man nur noch zwölf Prozent der Bewohner auf den Kapverden zu den freien Bürgern, der Rest waren Sklaven.
Das Geschäftsmodell, Menschen anzuketten und all ihrer Rechte zu berauben, erlebte einen Siegeszug um die Welt - und die Kapverden waren Dreh- und Angelpunkt dafür. Um 1740 wurden die Inseln auch Versorgungspunkt für amerikanische Sklavenhändler.
Erst 1878, nach 400 Jahren, schaffte Portugal die Sklaverei endlich ab.
 | | Bana |
|  | Unser kapverdischer Steward Bana erzählt mir eines Abends, dass die Kinder des Inselstaates in der Schule lernen, an bestimmten physiognomischen Merkmalen herauszufinden, woher ihre Ahnen einst deportiert wurden. Seine Vorfahren, das könne er seinem Aussehen entnehmen, hätten wohl einst in Mauretanien gelebt. Wo genau und bis wann, wird er nie erfahren.
Leibliches Wohl
Wer sich für einen Mitsegeltörn entscheidet, muss essen, was der Kapitän servieren lässt. Das Schiff, mit dem wir nun schon vier Tage den Archipel besegelten, lief - wie viele Chartersegler überall auf der Welt - unter niederländischer Flagge. Und spätestens seit der Erfindung der Holland-Tomate ist relativ offensichtlich, dass Niederländer und Deutsche gelegentlich etwas unterschiedlicher Auffassung darüber sein können, was optimale Verpflegung ausmacht. Und so fand ich mich nach den ersten Tagen auf See eines Abends in einer Art Vollversammlung der Chartergäste wieder, die zweifelsfrei bereits den Tatbestand der Meuterei erfüllt hätte, hätten die Versammelten richtige Heuerverträge besessen. Ein Vertreter der Meuterer war bestimmt und die Forderungen an den Kapitän bereits juristisch wasserfest ausformuliert. Doch zur großen Abrechnung sollte es nicht mehr kommen.
Bevor sich eine geeignete Gelegenheit ergeben hatte den Skipper bezüglich der Verpflegung zur Rede zu stellen, winkte unser Steward Bana vom Ankerplatz in der Bucht von Mindelo aus ein paar von See kommende Fischer längsseits an unser Schiff heran. Er kaufte ihnen etliche Kilo Fische ab, die noch Minuten zuvor munter im Atlantik geschwommen waren. Hauptsächlich waren es Rote Meerbarben, von den Einheimischen Sarbonet genannt. Die Schiffsköchin Sandra, ebenfalls Kapverdierin, bewies bei der Zubereitung so viel Geschick, dass wenig später sämtliche Meuterer einräumen mussten, selten in ihrem Leben so guten Fisch gegessen zu haben. Die Meuterei fiel aus.
 | | Fischer längsseits: Wir kaufen kiloweise |
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Gleichwohl zog der Kapitän noch einige Male böse Blicke auf sich, wenn mitteleuropäischer Proviant auf den Tisch kam, dessen einzige Qualität die unendliche Haltbarkeit im Schiffsbauch zu sein schien. Aber Sandra und Bana konnten noch mehrfach auf lokalen Märkten Lebensmittel einkaufen und wunderbare kapverdische Mahlzeiten zubereiten, die die Gäste selig machten.
Die lokale Küche ist, so man die pekuniären Voraussetzungen zum Erwerb ihrer Zutaten besitzt, reichhaltig und schmackhaft. Mangos, Papayas und Bananen sind unvergleichlich aromatischer als die Importwaren im europäischen Supermarkt. Der Kaffee der Kapverden gilt als einer der besten der Welt. Der Fischreichtum ist überwältigend: Thunfisch, Seebrassen, Rote Meerbarben, Makrelen, Bonitos, Schwertfisch und Langusten sind nur eine kleine Auswahl dessen, was der Fischmarkt in Mindelo bietet.
 | | Ziegenhirten in der Geröllwüste von São Vicente |
|  | Zu einer warmen Mahlzeit erhält man oft gleich drei oder vier verschiedene Beilagen: Maniok, süße Kartoffeln, Kochbananen oder normale Kartoffeln.
Nur bei Fleisch und Gemüse ist die Auswahl knapp und bescheiden: Da die Landwirtschaft ohne Weideflächen auskommen muss, stammt das Fleisch in der lokalen Küche von Ziege oder Huhn. Als regionales Gemüse wird auf den Kapverden hauptsächlich Kohl serviert.
Mindelo/São Vicente - Tarrafal/São Nicolau (55 sm)
Kurz nach dem Auslaufen aus dem Hafen von Mindelo passieren wir am Ponta Machado, dem Westkap der Insel São Vicente, den Farol da Dona Amélia, einen der berühmtesten Leuchttürme der Kapverden (16° 49' 36" N / 025° 05' 08" W). Der bereits 1894 auf dem steil aufragenden Felsgestade errichtete Turm hat es sogar schon auf eine Briefmarke der Inselrepublik geschafft. Er markiert die Einfahrt in den Canal de São Vicente, in dem unter Umständen mit kräftigem Düseneffekt zu rechnen ist.
 | | Der Farol da Dona Amélia |
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Leuchtfeuer
Während der Farol da Dona Amélia gerade renoviert worden ist, ist es um viele Seezeichen auf den Kapverden nicht sehr gut bestellt. Im Mai 2005 waren nach Auskunft der kapverdischen Schifffahrtsbehörde zwei Drittel der insgesamt 67 Leuchtfeuer außer Betrieb. Zu einem nicht unerheblichen Teil sei die Ursache dafür der Diebstahl der Solarzellen. Insofern hat der Segler jederzeit damit zu rechnen, dass er bei Nacht ohne in der Karte angegebene Feuer zurechtkommen muss.
Tarrafal/São Nicolau - Carriçal/São Nicolau (21 sm)
Es war Samstag und wir machten nur einen kleinen Schlag. Der war notwendig, weil die Entfernung von Tarrafal zur westlichsten Insel unseres Törns, Boavista, an einem Tag kaum zu schaffen gewesen wäre. Denn vor uns lag ein langer Am-Wind-Kurs, auf dem es langsamer voran gehen würde als in der Woche zuvor, da uns der raume Passat schob.
 | | Der Skipper |
|  | So stahlen wir uns unter der Küste an São Nicolau entlang und liefen Carriçal an, einen klitzekleinen Ort, der außer seiner strategisch günstigen Lage nichts besitzt, das erwähnenswert wäre. Wir ankerten in einer sehr schmalen Bucht. Von den an Backbord und an Steuerbord gefährlich aus dem Wasser ragenden Felsen hielt uns nur der beständig aus dem hohen Gebirge herab fallende Wind ab, der unser Heck seewärts drückte.
Der Wind sei hier immer ablandig, meinte Aard. Am nächsten Morgen sollte er mir erzählen, dass er während seiner Ankerwache beinahe den Motor gestartet hätte, weil der Wind nachts natürlich doch eingeschlafen war und das Schiff sich daraufhin bedrohlich dicht an die Felsen bewegt hätte. Letztlich habe dann doch wieder ein leichter Fallwind eingesetzt und uns auf eine sichere Position gedrückt.
Die Frage der Ankerwachen hatte übrigens für uns den Ausschlag gegeben, Kojencharter dem Chartern einer Yacht vorzuziehen. Der Schwell in den Buchten der Kapverden kann mitunter recht schnell erheblich zunehmen. Dafür ist mitunter nicht einmal die lokale Wettersituation verantwortlich, sondern im Atlantik kann auch mal ein weit entferntes Unwetter Dünung auslösen, die ungebremst auf die Küste der Inseln trifft. Die Ankerwache sollte deshalb in der Lage sein, das Boot gegebenenfalls zu verholen, also aus wenigstens zwei Leuten bestehen. Zudem ist eine ständige Ankerwache natürlich auch eine ganz gute Versicherung gegen Diebstahl. Wer eine Segelyacht chartert, muss also letztlich mit durchgehenden Ankerwachen planen und auf Landausflüge der gesamten Crew verzichten.
Wie froh war ich, als mit bewusst wurde, dass ich mit dem Ankern als Chartergast nichts zu tun hatte! Ich konnte mich abends mit unserem Steward Bana und einer Flasche kapverdischen Rums getrost an Deck hinsetzen und die Probleme der Seefahrt, die des Nordsüdkonflikts, jene der Fußballligen Europas, Afrikas und der Welt sowie natürlich das Thema Frauen ausführlich und ergiebig diskutieren. Wir saßen bis tief in die Nacht unter einem klaren Sternenhimmel.
Rum
Wenn ein alkoholisches Getränk zur Geschichte der Seefahrt gehört, dann ist es Rum. Im 16. Jahrhundert gab man zunächst den afrikanischen Sklaven auf den Zuckerrohrplantagen der Karibik Zuckerrohrwein zu trinken, der aus Melasse, einem Reststoff der Zuckerproduktion, billig hergestellt werden konnte. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts begannen die Kolonialherren auch für sich aus der vergorenen Melasse Rum zu destillieren. Das neue Produkt verbreitete sich schnell - besonders unter Seefahrern, weil es im Ruf stand Skorbut zu verhindern (was in Wirklichkeit durch den oft hinzugefügten Limettensaft bewirkt wurde).
 | | Zuckerrohr kurz vor der Ernte |
|  | Seit die Briten 1655 Jamaika erobert hatten, erhielt jeder Matrose mit seinem Proviant täglich einen viertel Liter achtzigprozentigen Rum, anstatt wie bisher importierten französischen Brandy. In den englischen Kolonien auf heutigem US-Gebiet stieg der jährliche Rum-Verbrauch pro Kopf auf über 13 Liter (jährlicher Spirituosenverbrauch pro Kopf 2006 in Deutschland: 5,7 Liter).
Um den steigenden Bedarf befriedigen zu können, entwickelte sich ein Dreieckshandel: Immer mehr Sklaven wurden von Afrika auf die Zuckerrohrplantagen in der Karibik gebracht, der von ihnen erzeugte Rum ging von dort nach Nordamerika.
Obwohl vermutlich viele Afrikaner über die Kapverden auf die Plantagen der Karibik kamen, begann die Geschichte des Rums auf den Kapverdischen Inseln erst spät. Lange Zeit war das Destillieren verboten, erst 1866 erkannte die portugiesische Krone darin eine Einnahmequelle, legalisierte die Rumproduktion und führte Alkoholsteuern ein. Seitdem ist Grogue (sprich: Grog), wie die Kapverdier ihren Rum nennen, von den Inseln nicht mehr wegzudenken.
Beim Besuch einer Destille auf São Nicolau erleben wir, wie Rum gemacht wird:
Das Zuckerrohr wird geerntet, wenn es blüht, und in armlange Stücke zerschnitten. Dann wird mit einer starken Presse der Saft herausgepresst. Den kann man entweder direkt vergären oder man kann damit zunächst Zucker herstellen, wobei Melasse anfällt, aus der sich ebenfalls Rum gewinnen lässt.
 | | Zuckerrohrverarbeitung: Ausgepresstes Zuckerrohr wird als Brennstoff genutzt |
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Zuckerrohrsaft oder Melasse werden danach in Fässern etwa fünf Tage vergoren, wozu man spezielle Hefen zusetzt. Der Alkoholgehalt liegt nach der Gärung bei vier bis fünf Prozent.
Nun erfolgt die Destillation. Ein Ofen wird mit leer gepressten und getrockneten Zuckerrohresten oder Bananenblättern befeuert. In der Destillationsblase auf dem Ofen wird der Zuckerrohrwein behutsam erhitzt und nach etwa einer Stunde ein Ventil geöffnet.
 | | Der Destillationsofen wird angeheizt |
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Der Dampf wird nun durch ein langes Rohr geleitet, das mit Wasser gekühlt wird. Die Kühlung hat zur Folge, dass der Dampf kondensiert und als Rum aufgefangen werden kann. Zu Beginn eines Destillationsvorgangs fließt jedoch zunächst das giftige Methanol aus der Leitung, erst danach kommt Trinkbares. Das fertige Destillat hat einen Alkoholgehalt von 65 bis 75 Prozent.
 | | Der gebrannte Rum wird aufgefangen |
|  | An die Destillation kann sich ein Reifungsprozess in einem Holz- oder Edelstahlfass anschließen, der maßgeblich über die Qualität des Rums mit entscheidet. Der fertig gereifte Rum hat nach wie vor einen sehr hohen Alkoholgehalt von rund 70 Prozent oder mehr - die so genannte Fassstärke. Bei der Abfüllung auf Flaschen wird gegebenenfalls durch Verdünnung mit Wasser die besonders in Europa verbreitete Trinkstärke von etwa 40 Prozent eingestellt. Oft kommt der Rum in den Tropen jedoch auch in Fassstärke in den Handel.
Grogue wird übrigens nicht nur pur getrunken: Häufig er wird auch mit Melasse und gegebenenfalls Limettensaft gemixt und unter der Bezeichnung Punch anboten.
Carriçal/São Nicolau - Vila de Sal Rei/Boavista (71 sm)
Es geht früh auf die See hinaus. Zu früh für Rum-Liebhaber. Aber wir haben 71 Seemeilen vor uns. Also helfe ich beim Setzen von Schonersegel, Groß, Fock und den Klüvern und lege mich wieder in die Koje, die nun - auf Steuerbordbug - endlich einmal an Lee liegt, so dass ich keine Angst vor dem Herausfallen haben muss.
 | | Santa Monica: Sandstrand von Boa Vista |
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Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir Boavista. Unter Motor tasten wir uns vorsichtig von Süden in einen flachen Sund zwischen Boavista und dem kleinen vorgelagerten Eiland Ilhéu de Sal Rei. An Steuerbord sehen wir das gefährliche, aber unbetonnte English Reef - und hören es vor allem, weil sich die seichte Atlantikdünung krachend darauf bricht.
Wir ankern zwar eine halbe Meile von der Pier in Sal Rei entfernt, aber falls hier hohe Dünung hineinkommen sollte, dann höchstwahrscheinlich von Norden, so dass man südlich der zwischen beiden Inseln verlaufenden weniger als zwei Meter tief verlaufenden Barre am sichersten liegt.
Boavista und Sal
Boavista und Sal sind die Inseln der Touristen. Die beiden östlichsten der Ilhas do Barlavento sind flach und sandig, kennen praktisch keine Niederschläge und haben ausgedehnte Sandstrände. Santa Monica ist der längste und schönste Strand auf Boavista.
 | | In der Wüste |
|  | Der Passat hat über Jahrtausende Unmengen von Flugsand aus der nur einige hundert Kilometer nordöstlich beginnenden Sahara herübergetragen. In großen Wanderdünen bewegt er sich als gelbe Walze sich über Boavista. Die Deserto de Viana ist ein Stück Sahara auf der Insel - und eine Touristenattraktion.
Bei einem Inselausflug werden auch wir in die Wüste geführt und zu einem 1968 vor der Nordküste gestrandeten spanischen Frachter, der seitdem hier vor sich hinrostet. Fast den ganzen Tag laufen wir in der gnadenlos herunterbrennenden Sonne herum, selbst am Mittag, als sie im Zenit steht und wir feststellen müssen, dass wir praktisch keine Schatten mehr werfen. Abends habe ich einen Sonnenstich.
 | | Wrack der Cabo Santa Marina |
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Obwohl das Klima der Kapverden als sehr ausgeglichen dargestellt wird, sollten Segler auf Extreme vorbereitet sein: Während man an Land möglicherweise mit der Hitze zu kämpfen hat, ist es auf See teilweise unangenehm kühl. Der Kanarenstrom, der den Archipel von Norden erreicht, kühlt die Luft auf dem Wasser kräftig herunter. Ich hätte nicht gedacht, dass man in Afrika so frieren kann. Ich habe fast nur T-Shirts im Koffer - ein dummer Anfängerfehler eines unerfahrenen Afrikareisenden!
Vila de Sal Rei/Boavista - Santa Maria/Sal (30 sm)
Die letzten 30 Meilen quälen wir uns hoch am Wind in Richtung Santa Maria auf Sal. Der Nordostpassat kommt zu nördlich für einen direkten Kurs. Der Anker fällt gerade einmal drei Stunden bevor wir ausschiffen müssen, um unseren Nachtflug nach Lissabon zu bekommen.
Nach 332 Seemeilen haben wir den Ausgangspunkt erreicht.
Alle Fotos: © 2007 Thomas Hillebrand
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Online-Logbücher - Kapverden
SY Daddeldu (Deutschland)
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