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Kojencharter im Land der Kelten: Irland

Von Thomas Hillebrand

(Teil 1 eines zweiteiligen Reiseberichts) [-> Karte]

Von Cork nach Dublin

Irische Küste bei Dunmore East am Atlantik
Irische Küste bei Dunmore East am Atlantik

Zur Vorbereitung auf diesen Törn hatte ich einen spannenden Roman gelesen. Es ging um die Kelten. Das alte Volk, das, wie ich las, beginnend mit der Römerzeit seit zwei Jahrtausenden an den Rand Europas gedrängt worden sei. Die Rückkehr der unterdrückten keltischen Nation aus dem Dunkel der Vergessenheit sei nur noch eine Frage der Zeit: Die Waffen für den Befreiungsschlag wurden in meinem Schmöker bereits zwischen keltischen Untergrundorganisationen hin und her transportiert - auf einem Fischkutter. Und der Held der Story segelte mit einer kleinen Yacht durch die Fjorde Schottlands, um einen Feme-Mord aufzuklären. Dabei verfiel er nach und nach immer mehr dem Ideal eines befreiten und wiedervereinigten keltischen Volkes. Schottland, Irland, Wales und die französische Bretagne waren die Schauplätze. Das Land der Kelten. Schöner kann man sich nicht einlesen!

Wir hatten einen Segeltörn vor uns - vom irischen Cork an der Keltischen See, wie der Atlantik südlich Irlands bezeichnet wird, durch die Irische See bis kurz vor Glasgow in Schottland. Extraordinary celtic, keine Frage!

Ein wenig stutzig machte es mich natürlich, als der Taxifahrer, der uns vom Flughafen zum Yachtclub der irischen Stadt Cork brachte, beteuerte, man spreche hier nur vom Atlantik und nicht von der Keltischen See, wenn man über das Meer vor Irlands Südküste rede. Aber eigentlich war das gar nicht unlogisch, denn warum sollte sich ein Angehöriger eines im Untergrund lebenden Volkes mir, aus seiner Sicht einem Abkömmling der Unterdrücker, so bereitwillig öffnen? Doch dann fielen mir die Straßenschilder auf, denen der Fahrer folgte: Crosshaven stand da, und darunter die Übersetzung Bun an Tabhaime. Gälisch, die Sprache der Kelten! Wie kann ein Volk, das seiner Rechte beraubt ist, durchsetzen, dass sämtliche Verkehrsschilder und Wegweiser zweisprachig sind, schoss es mir durch den Kopf? Ich nahm mir vor, dem Rätsel der Kelten möglichst bald nachzugehen!

Hält man Kojencharter aus?

Kurz darauf: Claudia und ich betreten das Gelände des ältesten Yachtclubs der Welt, des 1720 gegründeten Royal Cork Yacht Clubs. Jürgen, unser Skipper für die nächsten zwei Wochen, empfängt uns auf seiner 43 Fuß langen Aluminiumyacht, mit der er bereits seit rund zehn Monaten unterwegs ist. Der frischgebackene Rentner ist im vergangenen Herbst von der deutschen Nordseeküste zu den Kanaren aufgebrochen, hat an der Atlantic Ralley for Cruisers nach St. Lucia in der Karibik teilgenommen, dann eine Zeit in Kuba zugebracht, um schließlich über die Bermudas und Azoren hier nach Cork zu gelangen. Den gesamten Törn über hat er Kojen verchartert.

Wenig später ist die Crew ist vollzählig: Als dritter Chartergast ist Matthias eingetroffen, ein freundlicher Nordfriese, dem das heimische Wattenmeer seglerisch ein wenig zu eng geworden ist.

Volle Konzentration bei voller Fahrt: Vorwind-Surf auf der Atlantikwelle
Volle Konzentration bei voller Fahrt: Vorwind-Surf auf der Atlantikwelle

Wir haben Jürgen und sein Charterangebot über das Internet gefunden. Zum einen wollen wir dieses Revier kennen lernen. Zum anderen bietet Kojencharter die Möglichkeit, einem erfahreneren Segler über die Schulter zu schauen.

"Kojencharter?", fragen mich Bekannte oft. "Hält man das aus, mit wildfremden Personen auf so engem Raum?" Ja, man hält es aus. Die See hilft ja auch mit! Denn während man es ja in seinem bürgerlichen Leben an Land oft nicht leicht hat, jene Zeitgenossen auszuhalten, die eigentlich alles viel, viel besser können und das auch alle paar Minuten deutlich zum Ausdruck bringen, ist das auf Segelbooten meist ein wenig anders. Selbst die hartgesottensten Alleskönner werden da, beispielsweise beim Umgang mit Navigationsinstrumenten, verblüffend bescheiden und überlassen die Entscheidungen - und klammheimlich auch die Verantwortung - konfliktfrei denen, die es möglicherweise etwas besser können. Im Idealfall bildet sich unter solchen Verhältnissen ein Team, in dem sich jeder dort einsetzen lässt, wo er am meisten zu bieten hat. Unter Umständen erkennen sogar unwiderstehliche Führungspersönlichkeiten, dass sie sich am besten auf das Heraushängen der Fender im Hafen spezialisieren, gegebenenfalls nachdem sie sich noch einmal den Webeleinstek haben zeigen lassen.

Claudia erlernt den Umgang mit einer Windfahnensteuerung
Claudia erlernt den Umgang mit einer Windfahnensteuerung
Bei Jürgen an Bord war aber alles ganz didaktisch: Abwechselnd war jeder einmal "Skipper of the day" und durfte vom Ablegemanöver über Segelsetzen und Navigation bis zum Anlegen das Kommando führen. Und so musste Jürgen, der erfahrene Atlantiksegler, alle paar Minuten die Frage beantworten: "Jürgen, wie würdest denn Du das jetzt machen?" Der Törn wurde für uns alle so etwas wie ein Aufbaukurs in Seemannschaft. Und wenn einer von uns im Begriff war ein Manöver zu vergeigen, fragte Jürgen schnell: "Soll ich mal sagen, wie ich das jetzt machen würde?"

Alles andere waren Marginalien: Obwohl Jürgen in mir einen "Bakterienphobiker" identifizierte und ich in ihm bisweilen so ziemlich das Gegenteil sah, gab es weder mit der Backschaft Probleme, noch in anderen Dingen des Zusammenlebens. Wenn man einmal davon absieht, dass wir Jürgens von Kuba über den Atlantik mitgebrachten Vorräte an feinstem Kaffee und Rum komplett aufgebraucht haben, was vielleicht ein bisschen unverschämt war...

"Atlantik-Stürme"

"Wenn ich zu Hause erzählt habe, wo ich segeln werde, sind immer alle gleich auf eines gekommen - das Fastnet Race von 1979", berichtet Claudia, während wir aus dem Owenabue River auf den Atlantik laufen. "Die halten uns alle für wahnsinnig!"

Offensichtlich bestimmt die Regattakatastrophe, bei der 19 Segler ertranken und 23 Yachten sanken, bis heute bei deutschen Seglern das Bild von diesem Revier. Eindeutig zu Unrecht! Zutreffend ist, dass die meisten Sturmtiefs, auf dem Nordatlantik ostwärts ziehend, bei Irland den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreichen. Wer hier segelt, muss also unbedingt kontinuierlich gute Wetterinformationen einholen (www.weather.ie). Dennoch ist das irische Klima, bedingt durch den Golfstrom, sehr mild. Die Lufttemperaturen liegen im Sommer zwischen 15 und 25 Grad Celsius, im Winter bei 5 bis 8 Grad. Schnee gibt es sehr selten.

Und auch die Vorstellung vom verregneten Irland ist so nicht richtig: In Dublin fallen im Jahresmittel sogar etwas weniger Niederschläge als in Hamburg, nur an der irischen Westküste liegt die Niederschlagsmenge pro Jahr bei knapp dem Doppelten.

Wolken rücken an, zunächst nur über Land
Wolken rücken an, zunächst nur über Land

Man sagt dem irischen Wetter nach, wechselhafter zu sein als in Deutschland, da sich Hoch- und Tiefdruckgebiete hier schneller abwechseln. Und so haben wir es auch erlebt. Ständig gab es am Himmel großes Schauspiel zu sehen, von der Komödie bis zum Drama war alles im Programm.

Am Abend unseres ersten Tages auf See erreichten wir im rötlichen Schimmer der untergehenden Sonne Dunmore East, einen kleinen idyllischen Hafen, in dem Segel- und Fischerboote einträchtig in langen Päckchen vertäut im sanften Auf und Ab der Tide schwammen.

Hafeneinfahrt von Dunmore East
Hafeneinfahrt von Dunmore East

Der Ort war in unserem Hafenhandbuch im Hinblick auf seine "Attraktivität" äußerst zurückhaltend bewertet, was uns beinahe dazu verführt hätte, hier nicht anzulegen. Glücklicherweise kam es anders.

Dunmore East lebt seit Menschengedenken vom Fischfang, und so verwundert es nicht, dass ausgerechnet hier in einem 1.500-Seelen-Dorf angeblich mehrere der besten Seafood-Restaurants Irlands zu finden sein sollen. Das zu überprüfen hatten wir leider nicht genügend Zeit.

Pub-Besuch am Wochenende ist Pflicht
Pub-Besuch am Wochenende ist Pflicht
Von etwas anderem haben wir uns aber persönlich überzeugt: Gemütliche Pubs finden sich hier mehrere. Wer nicht weit laufen mag, muss vom Boot aus nur die kleine felsige Steilküste erklimmen, die den Hafen von der höher gelegenen Stadt trennt, und steht schon vor der ersten Hafenbar. Der Begriff Pub ist übrigens die Kurzform von public house (deutsch: öffentliches Haus), einer Bezeichnung, die man in Irland noch heute oft über dem Eingang von Gaststätten lesen kann. In den Jahrhunderten großer Armut der Iren waren die Pubs für viele die einzigen Orte, an denen man sich aufwärmen konnte und wo man mit einem Stout oder Ale etwas zu trinken bekam, das aufgrund des Alkoholgehalts nicht mit Krankheitskeimen belastet war. Pubs sind seither Mittelpunkte des sozialen Lebens - und keinesfalls nur für Jüngere da. Spötter sagen, das Pub sei der Gemeinde wichtiger als die Kirche.

Die Irische See

Bereits am nächsten Morgen verlassen wir Dunmore East. Hafentage muss man sich schließlich erst einmal verdienen, sonst bestraft einen noch das Wetter und man erreicht sein Ziel nie!

Der Leuchtturm von Tuskar Rock am Carnsore Point zwischen Atlantik und Irischer See
Der Leuchtturm von Tuskar Rock am Carnsore Point zwischen Atlantik und Irischer See
Unser erstes Etappenziel ist Carnsore Point, wo Atlantik und Irische See aufeinander treffen. Weit draußen in der See, auf dem Felsen Tuskar Rock, steht hier ein Leuchtturm. Es heißt, er markiere jenen Felsen, der bis zur Inbetriebnahme des Leuchtfeuers im Jahr 1815 wohl so viele Schiffsunglücke verursacht habe wie kein anderer in irischen Gewässern. Noch während der Bauzeit des Turms kostete der Tuskar Rock Menschenleben: In der Nacht des 18. Oktober 1812 riss ein Sturm 10 der 24 Bauarbeiter in die See. Sie ertranken.

Carnsore Point markiert für unseren Törn auch jenen Tag, an dem Tidenhub und Strömungen zu entscheidenden Größen der Navigation werden. Bei ablaufendem Wasser hat man ab hier dicht unter der irischen Ostküste mit Gegenströmungen von drei bis vier Knoten zu rechnen.

Wasserstand und Strömung ermitteln: Matthias studiert den MacMillan
Wasserstand und Strömung ermitteln: Matthias studiert den MacMillan
Und der starke Gezeitenstrom hat vor der Küste gefährliche Sandbänke aufgeschichtet. Sehr konzentriert und detailliert erklärt mir Jürgen, wie er es machen würde, als ich das Boot acht Seemeilen weiter nördlich zwischen zwei Bänken durchnavigiere, die die schönen Namen Long Bank und Lucifer Bank tragen und bis auf drei Meter unter die Wasseroberfläche aufragen.

Ab jetzt ist der MacMillan tägliche Lektüre. Der MacMillan Nautical Almanac, wie er genau heißt, enthält nautische Informationen für Irland und Großbritannien sowie die kontinentale Küste von Skagen bis Gibraltar. Neben Hafenplänen und Hinweisen zur Ansteuerung ist für uns vor allem von Belang, dass er Strömungskarten und Gezeitenpläne für all diese Gegenden beinhaltet. Jeden Abend wird bereits die Route für den nächsten Tag geplant, damit wir wissen, wann wir den Strom mit haben und wann wir dafür aufstehen müssen.

Am Abend erreichen wir Arklow, eine Kleinstadt an der Ostküste mit knapp 12.000 Einwohnern. Unser Besuch dauert nur eine Nacht und ist zu kurz für eine vollständige und gerechte Beurteilung, aber dennoch fragen wir uns, warum das Hafenhandbuch diesen Ort im Vergleich zu Dunmore East als attraktiver einstuft.

Dublin

Von Arklow nach Dublin sind es nur gut 30 Seemeilen. Genauer gesagt nach Dún Laoghaire (englisch: Dunleary, was etwa auch der korrekten Aussprache des irischen Namens entspricht). Der Nobelvorort liegt etwa 10 Kilometer südlich von Dublin und beherbergt unter anderem die größte Marina der Region, in der wir festmachen. Die Verkehrsanbindung ist sehr günstig: Eine Schnellbahn ins Zentrum von Dublin hält direkt am Ausgang der Marina. Allerdings ist das Liegegeld von über 50 Euro für ein 13 Meter langes Boot ausgesprochen exklusiv! Ein für deutsche Verhältnisse sehr hohes Preisniveau ist allerdings in Irland und Großbritannien ganz allgemein üblich.

In der irischen Hauptstadt Dublin, in der offiziell rund 500.000 Menschen leben, die aber mit Vorstädten zusammen auf mehr als eine Million Einwohner kommt, kann man natürlich sehr vieles unternehmen. Vielleicht Anspruchsvolleres, vielleicht Lehrreicheres, vielleicht Ästhetischeres, aber - muss es wirklich immer so viel Kultur sein? - wir besuchen die Guinness-Brauerei. Das ist schließlich auch irische Geschichte!

Krönung des Brauereibesuchs: der Blick über Dublin
Krönung des Brauereibesuchs: der Blick über Dublin

Dem Guinness Store House, dem Ausstellungszentrum des berühmten Stout-Herstellers, fehlt es ein wenig an Authentizität, ist unser Eindruck, nachdem wir durch die Hallen gelaufen sind. Aber am Schluss wird der Besucher wundervoll belohnt: Es gibt ein Pint Guinness aufs Haus in der Gravity Bar, im obersten Stock des hohen Gebäudes, von wo man einen faszinierenden Blick über ganz Dublin hat.

Pub in Temple Bar, der Altstadt Dublins
Pub in Temple Bar, der Altstadt Dublins
Ich werde später nicht mehr genau nachvollziehen können, wie es eigentlich dazu kam. Aber nicht allzu lange nach unserem Brauereibesuch befindet sich unsere kleine Segelcrew bereits erneut in einer typisch irischen öffentlichen Aufwärmstätte. Möglicherweise hat man in der Gravity Bar darauf hingearbeitet, dass wir bezüglich des dunklen Stout einen Kontrollverlust erleiden.

Jedenfalls sind wir damit bei einem Thema, das unbedingt angesprochen werden muss: Irgendwann, und sei es noch so spät, möchte jeder Irland-Reisende auch mal schlafen gehen. Vielleicht reicht der Blick dann nicht mehr ganz so weit oder der Kopf wird nicht mehr so aufrecht getragen. Vielleicht ist man aber auch ganz nüchtern - und trotzdem in Lebensgefahr.

Ignorieren Sie es nicht, wenn Sie dies sehen!
Ignorieren Sie es nicht, wenn Sie dies sehen!
Achtung: Wenn Sie vor sich einen Schriftzug mit den Worten "Look right" auf der Straße sehen, beachten Sie unbedingt den kleinen Pfeil und schauen Sie in die Richtung, in die er weist! Rechts, die Richtung, aus der Gefahr droht, ist nicht, wo Sie vielleicht gerade denken! Dort ist links! Rechts ist genau auf der anderen Seite - da wo eigentlich, Ihrer festen inneren Überzeugung nach, keine Autos herkommen können! Aber Achtung! Sie kommen...

Die US-amerikanische Regierung beispielsweise warnt ihre Bürger bei Reisen nach Großbritannien mittlerweile eindringlich: "Jedes Jahr werden bei Unfällen mit Fußgängern viele US-Bürger verletzt und einige getötet, weil sie vergessen haben, dass sich der Verkehr anders herum als in den USA bewegt. Beim Überqueren der Straßen ist also besondere Sorgfalt und Aufmerksamkeit angezeigt."

Unter uns: Ich bin sicher, Iren wie Briten haben längst eingesehen, dass sie definitv auf der falschen Seite fahren! Sie wissen nur nicht, wie sie es noch ohne massiven Rückgang der eigenen Bevölkerungszahl ändern können...

Die Henry-Grattan-Bridge

Beim Spaziergang durch die Altstadt Dublins stand ich plötzlich auf einer großen Brücke, die die Liffey überquert. Jenen breiten Fluß, der das Stadtbild der irischen Hauptstadt prägt. Nicht dass die Henry-Grattan-Bridge ein besonders auffälliges Bauwerk wäre. Aber mich interessierte, wen die Stadt Dublin mit der Namensgebung ehrt. Ich landete im nächstgelegenen Internet-Café und machte unversehens eine Tour durch die irische Geschichte:

Die Brücke, die 1874 an der Stelle einer älteren Konstruktion errichtet wurde, trägt den Namen eines irischen Nationalhelden. Henry Grattan verkörpert das lange Streben Irlands für die Freiheit von der Britischen Krone. Eine Freiheit, die erst 1937 Wirklichkeit geworden ist. In den davor liegenden Jahrhunderten der englischen Vorherrschaft gab es nur einmal 18 Jahre der Autonomie - und das war das Verdienst des unerschrockenen Henry Grattan.

Die Henry-Grattan-Bridge im Herzen Dublins
Die Henry-Grattan-Bridge im Herzen Dublins
Im Jahr 1494, nachdem die englische Krone schon drei Jahrhunderte danach trachtete Irland dem Königreich einzuverleiben, ließ Heinrich VII seinen irischen Statthalter Edward Poyning ein Gesetz verkünden, mit dem jede Eigenständigkeit Irlands unmöglich wurde: Poyning's Law, wie man das Gesetz bis heute nennt, bestimmte, dass ein irisches Parlament nur mit Zustimmung des englischen Königs zusammen kommen durfte und seine Beschlüsse auch nur dann Rechtskraft erlangen konnten, sofern der König sein Plazet gab. Als 1534 unter Heinrich VIII in England eine vom Vatikan unabhängige anglikanische Kirche entstand, während die Bevölkerung Irlands weitgehend katholisch blieb, entstand zudem ein wachsender religiöser Gegensatz zwischen Iren und Engländern. 1541 schließlich rief sich Heinrich VIII zum König über Irland aus. Die Spaltung in ein verarmtes katholisches Proletariat und eine herrschende anglikanisch-protestantische Oberschicht nahm ihren Lauf und sollte für Jahrhunderte mehr und mehr die Geschichte des Landes dominieren.

Als während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges immer mehr englische Truppen aus Irland nach Amerika verlegt wurden, kam es 1778 zur Gründung der zunächst protestantischen "Irish Volunteers", die mit der Landesverteidigung beauftragt waren. Die chronisch unterfinanzierte Truppe, deren Angehörige sogar selbst für den Kauf Ihrer Uniform und Waffen zahlen mussten, war jedoch nicht so loyal, wie es die englische Krone wünschte, zumal sie sich nach und nach für die Aufnahme katholischer Freiwilliger öffnete. Henry Grattan, Abgeordneter im irischen Parlament, konnte die Irish Volunteers deshalb 1782 hinter sich bringen und setzte im Parlament umgehend Gesetze durch, die Poyning's Law abschafften. "Grattan's Parliament", wie es die Iren bis heute nennen, konnte Irland plötzlich autonom regieren. Irische Katholiken erhielten wenig später endlich das Wahlrecht, das ihnen England verwehrt hatte.

Doch an den Besitzverhältnissen in Irland änderte sich wenig. Und so kam es 1798 zur Rebellion der an den Idealen der französischen Revolution orientierten "United Irishmen". Den Aufstand, der scheiterte, nutzte England dazu, mit dem Act of Union am 1. Januar 1801 die Unabhängigkeit des irischen Parlaments aufzuheben und das "United Kingdom of Great Britain and Ireland" zu errichten. Die alten Machtverhältnisse waren wieder hergestellt - England herrschte wieder über Irland. Die Ausbeutung der Iren durch England war ein halbes Jahrhundert später, 1845, Hauptursache für die dramatische Entwicklung der großen Hungersnot, bei der anderthalb Millionen Menschen verhungerten. Erst 1937, fast viereinhalb Jahrhunderte nach Poyning's Law, wurde der souveräne Staat Irland endgültig von allen Verpflichtungen gegenüber der britischen Krone entbunden, nachdem bereits 1921 Nordirland in einer Volksabstimmung endgültig Großbritannien zugeschlagen worden war.

Die Kelten

Einmal in ein Internet-Café eingekehrt konnte ich mich endlich auch dem Rätsel der Kelten widmen. Ich rechnete nicht unbedingt damit, sofort auf eine schick gemachte Website der keltischen Exilregierung zu stoßen, aber was ich bei Wikipedia herausfand, irritierte mich zutiefst: "Sicher ist, dass die 'Kelten' nie eine Ethnie, d. h. ein geschlossenes Volk bildeten." Ja, die Kelten standen dort in Anführungsstrichen! Und: "Nur in Südost-England sind für das 1. Jahrhundert v. Chr. auch archäologische Zeugnisse der klassischen kontinentalen keltischen Kultur nachzuweisen." Keine, fast keine Kelten auf den Britischen Inseln? Ging etwa die Jahrtausende währende Unterdrückung soweit, dass die Kelten nicht einmal bei Wikipedia ein paar Hinweise auf ihre Existenz eintippten?

Dublin: Kelten waren hier nie, heißt es...
Dublin: Kelten waren hier nie, heißt es...
Dann las ich diesen Satz: "Iren, Schotten, Waliser und Bretonen definieren sich in neuerer Zeit vor allem aus einer Abgrenzung gegen Engländer oder Franzosen als Kelten." Und in der englischen Version von Wikipedia fand ich schließlich einen langen Aufsatz über "moderne Kelten", der ausführte, dass das "moderne Keltentum" eher eine romantische Bewegung sei, die erst nach dem zweiten Weltkrieg aufgekommen sei. Alleinige historische Wurzel seien die keltischen Sprachen: auf den britischen Inseln das irische und das schottische Gälisch, auf der Isle of Man das Manx, Walisisch in Wales und Bretonisch in der Bretagne.

Nicht zu fassen: Es gab nie Kelten auf den Inseln, weder in Irland noch in Großbritannien! Ich dachte an meinen Roman. Eigentlich überhaupt kein Wunder, dass die Kelten einen bewaffneten Aufstand planen, wenn ihre Existenz sogar von Enzyklopädien und Ethnologen bestritten wird! Ich musste die Kelten auf eigene Faust finden!

Whale watching

Unser Hafentag in Dublin ist vorüber. Es geht wieder hinaus auf die Irische See, Kurs Isle of Man. Nach einigen Stunden haben wir die aufregendste Wal-Begegnung unserer Reise. Claudia und ich haben als begeisterte Whalewatcher einen recht routinierten Blick, dem ein Meeressäuger nicht allzu leicht entgeht. Wir schauen nicht nur nach gelegentlich auftauchenden Walrücken, sondern vor allem nach jenen gefiederten Schnorrern, die Zoologen Kommensalen nennen: Seevögeln, die darauf hoffen, dass ein jagender Wal ihnen etwas übrig lässt.

Bei fast glatter See entdecken wir an backbord voraus eine solche Gruppe aufgeregter Flugkünstler. Als wir näher kommen, taucht wie erwartet plötzlich ein Walrücken auf. Wie wir es schon oft gesehen haben, rollt er sein Rückgrat der Länge nach an der Wasseroberfläche entlang. Aber uns stehen die Münder offen: Der Rücken nimmt kein Ende, er rollt und rollt, der graue Buckel! Und er ist viel breiter als wir erwartet haben, sicherlich eine ganze Armlänge! Irgendwann taucht dann eine kleine Rückenflosse auf, die an jene eines Grindwals erinnert. Und dann erst ist der Koloss wieder verschwunden.

Wir haben einen Minkwal gesehen! Auf Deutsch wird der Minkwal auch Nördlicher Zwergwal genannt, aber er ist beileibe kein Zwerg: Er wird achteinhalb bis zehn Meter lang.

Abend auf der Irischen See
Abend auf der Irischen See

Die Gewässer um Irland sind wohl die geeignetsten in ganz Europa, wenn man Wale beobachten möchte. Bisher sind 24 Arten der Meeressäuger um Irland herum gesichtet worden - vom Blauwal bis zum Tümmler ist hier alles vertreten. Bereits 1991 hat die irische Regierung deshalb die Hoheitsgewässer des Landes zu Walschutzgebieten gemacht.

Sehr häufig treffen wir auf Kleine Tümmler (Harbour Porpoise), einmal sogar auf eine Mutter mit einem Jungtier, dass vielleicht sechs Wochen alt ist. Sich Seite an Seite berührend tauchen die beiden kurz auf und wieder ab. Ein anderes Mal begegnen wir in der Irischen See einer Delfinschule (Common Dolphin). Sicherlich ein Dutzend Tiere oder mehr kommen uns in hohem Tempo entgegen und springen dabei ständig aus dem Wasser. Vier oder fünf der Meeressäuger sind immer zu sehen, wie sie gerade aus der See geschossen kommen, durch die Luft wirbeln oder wieder eintauchen.

Eine sehr informative Website zu Walen in irischen Gewässern ist übrigens die der Irish Whale and Dolphin Group, einer Umweltschutzgruppe, die sich auch darum kümmert, gestrandete Wale zu retten.

Weiter: Teil 2: Isle of Man und Schottland




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