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Vorpommern: Hinter den Inseln durch die Boddenlandschaft |
Von Thomas Hillebrand
 | | Sonnenaufgang auf der Ostsee |
|  | Die rund 120 Seemeilen entlang der Küste Vorpommerns, vom Darß bis zur polnischen Grenze am Stettiner Haff, kann man überwiegend im Schutz der größten deutschen Inseln Rügen und Usedom zurücklegen und dabei Wind und Wetter ein Schnippchen schlagen. Wer in Eile ist, schafft die Strecke locker in drei Tagen. Wer etwas sehen möchte, ist jedoch leicht drei Wochen unterwegs - und beobachtet Seeadler, kauft von den Kuttern der Küstenfischer oder stöbert in den Zeugnissen der Hanse.
Wir beginnen unsere Route von der Ostsee kommend kurz vor dem Darßer Ort. Die ehemalige Insel Darß, die durch Verlandung heute Teil der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst ist, bildet den westlichsten Teil der Küste Vorpommerns.
Doch bevor wir uns dem Land zuwenden, haben wir hier draußen auf der Ostsee bereits eine kleine Chance, etwas Besonderes zu sehen: Schweinswale. Nur noch auf etwa 900 Tiere wird ihr Bestand in der Ostsee geschätzt. Die meisten der 1,60 Meter langen "kleinen Tümmler" leben in der westlichen Ostsee, an deren östlichem Rand der Darß liegt. Besonders auf der dänischen Seite der Kadet-Rinne, die zwischen dem Darß und der dänischen Insel Falster verläuft, werden immer wieder Tiere gesichtet, die neugierig neben Segelbooten herschwimmen und bisweilen sogar auf sich aufmerksam machen, wenn man sie nicht gleich bemerkt. Einige Dutzend Sichtungsmeldungen erhält die Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere jährlich von Seglern aus dieser Gegend.
Darßer Ort ist Teil der so genannten Kernzone des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft, den wir nun auf den nächsten 25 Seemeilen durchfahren werden. Das Betreten der Kernzone ist bei Strafe verboten, Ausnahme bilden ausgetonnte Fahrwasser und Hafenanlagen. Am Darßer Ort gibt es einen ehemaligen Hafen der DDR-Volksmarine, der seit der Wende als Schutzhafen diente. Seit 2004 ist er stark versandet und kann nicht mehr angelaufen werden. Umweltschützer und Seglerverbände streiten seitdem um die Frage, ob an dieser Stelle dem Naturschutz oder den Sicherheitsbedürfnissen der Segler der Vorzug gegeben werden soll. Auf den knapp 50 Seemeilen zwischen Rostock und Barhöft bei Stralsund war am Darßer Ort der einzige Hafen, in dem Segler Schutz fanden. Derzeit kann man jedoch nur dicht unter Land, südlich der Hafeneinfahrt, auf eine kleine Reede gehen, wo man bei den vorherrschenden Westwinden ebenfalls sehr gut geschützt liegt.
 | | Schutzraum für viele Seevögel: der Nationalpark Boddenlandschaft |
|  | Der Darßer Ort ist ein Anlandungsgebiet für Sand, der weiter westlich an der Küste abgetragen wird und hier neue Sandbänke bildet. Auf ihnen vollzieht sich, weitgehend unbeeinflusst vom Menschen, jene Landbildung, die über die Jahrhunderte den gesamten Küstenverlauf der Boddenlandschaft geformt hat. Nur am Bessin auf Hiddensee gibt es noch einmal eine ähnliche Formation neu entstehenden Landes. Wie im gesamten Nationalpark bietet auch der Darß Seevögeln Gelegenheit zu Rast und Brut.
Wir verlassen nun den Darßer Ort in östlicher Richtung und halten etwa Kurs 80 Grad, auf den 18 Seemeilen entfernten Leuchtturm Gellen auf der Insel Hiddensee zu. Der Leuchtturm markiert die Einfahrt in den Gellenstrom, auf dem wir zwischen den Inseln Bock und Hiddensee hindurch von der Ostsee in den Bodden gelangen. Der Gellenstrom zählt zweifelsohne zu den schönsten Meerengen Deutschlands: rechts und links unberührte Natur mit vielen Arten, zum Teil sehr seltener Seevögel. Die Insel Bock gilt als Sammelplatz der Kraniche vor dem Zug ins Winterquartier. Zur Linken sehen wir hier ein bis zu 10 Quadratkilometer großes Windwatt, eine Sandfläche, von der je nach Windrichtung und -stärke unterschiedlich große Bereiche trockenfallen und Vögeln Platz zu Rast oder Futtersuche geben.
 | | Gänse ziehen zu Tausenden im Herbst durch die Boddenlandschaft |
|  | Kurz bevor wir den Hafen Barhöft passieren, kann man in dieser paradiesischen Umgebung an Steuerbord im Schutz der Insel Bock auf eine Reede gehen. Das einzige, was hier stören kann, sind Vögel, die nachts über das Deck laufen! Von der Reede am Darß sind es bis hier ungefähr 23 Seemeilen - vielleicht genug für den ersten Schlag, zumal Stralsund von hier noch knapp 10 Seemeilen entfernt ist. Schöner ankern kann man wohl kaum in Deutschland.
 | | Boddenlandschaft: Das Wasser ist nie so tief, wie der Himmel hoch ist! |
|  | Anker auf, es geht nach Stralsund! Sauber den Tonnenstrich entlang fahren, denn der Bodden ist flach wie eine Pfütze und nur 40 Zentimeter Tiefe knapp neben dem Fahrwasser sind hier nichts Ungewöhnliches! Bevor wir den tiefen Strelasund erreichen, müssen wir die über vier Seemeilen lange, schnurgerade, aber nur 30 Meter breite Vierendehlrinne durchfahren. Auch bei Tag helfen dabei die zwischen den Bäumen am Ende des Fahrwassers erkennbaren Richtfeuer, Kurs zu halten.
Am Ende der Vierendehlrinne führt an Backbord ein Fahrwasser nach Norden, auf dem wir die Insel Hiddensee erreichen können. Von hier bis Vitte, dem Hauptort sind es etwa 12 Seemeilen. Wer Zeit hat, sollte diesen Abstecher unbedingt machen. Wer noch mehr Zeit hat, kann von dort sogar auf dem Wasserwege ins Innere von Rügen vorstoßen - auf den Jasmunder Bodden, der sich tief in die Insel einschneidet.
 | | Altstadt von Stralsund: ganz rechts am Rand das Wulflamhaus, das älteste Bürgerhaus Stralsunds aus dem 14. Jahrhundert |
|  | Läuft man in den Stralsunder Hafen ein, hat man einen ideal gelegenen Yachthafen direkt steuerbord voraus. Von hier aus sind es nur 2 Minuten bis in die Altstadt.
Die Hansestadt Stralsund wurde 1234 gegründet. Im 14. Jahrhundert zählte sie zu den führenden Städten der Hanse, des Städtebündnisses, das den Freihandel in Nordeuropa beförderte. Noch heute zeugen über 800 denkmalgeschütze Häuser aus jenen Zeiten, in denen Stralsund so wohlhabend war, dass es nur mit Lübeck zu vergleichen war. Insbesondere deshalb wurde Stralsund im Jahr 2002 gemeinsam mit dem mecklenburgischen Wismar von der UNESCO ins Weltkulturerbe aufgenommen. Am bedeutsamsten in städtebaulicher Hinsicht ist der Alte Markt in Stralsund mit dem Rathaus und dem gegenüberliegenden Wulflamhaus (siehe Foto), die aus dem 14. Jahrhundert stammen und im Stil der Backstein-Gotik erbaut sind. Ein Haus aus dem 15. Jahrhundert (Mönchstraße 38) ist Teil des Kulturhistorischen Museums der Stadt und kann vom Keller bis zum Dachboden besichtigt werden.
Mit dem Niedergang der Hanse im 16. Jahrhundert verlor Stralsund an Bedeutung. Von 1648 bis 1815 stand es unter schwedischer Herrschaft. Auch aus dieser Zeit sind viele Überbleibsel im Stadtbild zu sehen.
Nicht zu vergessen: Das Meeresmuseum ist sicherlich das schönste und vollständigste maritime Museum in Deutschland und lohnt jeden Besuch.
Wir wollen Stralsund nun Richtung Hansestadt Greifswald verlassen und müssen bei unserer Törnplanung beachten, dass die Ziegelgrabenbrücke, über die die einzige Straßenverbindung auf Deutschlands größte Insel Rügen verläuft, tagsüber nur am frühen Vormittag und danach erst wieder gegen Abend öffnet!
Rund 20 Seemeilen sind es bis Greifswald, die eine Hälfte durch den Strelasund, wo wir Rügen an Backbord und das Festland an Steuerbord haben, und die andere durch den Greifswalder Bodden. Kaum haben wir Stralsund verlassen, befinden wir uns auch schon wieder in einem Naturschutzgebiet, das bis Greifswald reicht.
Die Stadt Greifswald war ebenfalls ein wichtiges Mitglied der mittelalterlichen Hanse, wenn auch nicht so bedeutend wie Stralsund. Auch hier finden wir bemerkenswerte Bauten der Backsteingotik, wie St. Marien, die älteste Kirche Greifswalds, mit deren Bau bereits im 13. Jahrhundert begonnen wurde. Ebenfalls aus dieser Zeit stammen die Ruinen des Zisterzienserklosters in Eldena, die durch mehrere Gemälde des in Greifswald geborenen Malers Caspar David Friedrich berühmt wurden. Das Kloster wurde 1199 gegründet und während des 30-jährigen-Krieges (1618-48) zerstört.
Wir verlassen Greifswald wieder, um den Greifswalder Bodden zu überqueren. Der Greifswalder Bodden ist eigentlich ein Segelrevier, das für einen ganzen Segelurlaub ausreicht. In dem 500 Quadratkilometer großen Gewässer liegen mehrere Inseln und etliche Häfen sind es wert, angelaufen zu werden. Vielleicht der schönste ist Seedorf, zu dem man entlang der Steilküsten des Mönchguts segelt, immer tiefer hinein in die kleinen Buchten und Förden der Insel Rügen, bis zwischen dichtem Schilf ein kleiner Hafen auftaucht. Auch ist es reizvoll, auf der kleinen Insel Ruden anzulegen, die nur von einer Familie bewohnt und ohne jegliche Infrastruktur ist, aber über einen eigenen Hafen verfügt.
 | | Der Königsstuhl, die höchsten Klippen der Rügenschen Steilküste: Kreidefelsen von 117 Metern Höhe |
|  | Oder man macht hier einen Abstecher durch das Landtief auf die Ostsee hinaus nach Sassnitz und zum Königsstuhl - dem Wahrzeichen Rügens. Dafür sollte man aber zwei oder drei Tage einplanen, denn von Greifswald bis zum Königsstuhl sind es etwa 40 Seemeilen. Sassnitz liegt fünf Seemeilen südlich des Königsstuhls und bietet sich als Zwischenstation an. Hier findet man immer ein Plätzchen zum Liegen, zum Beispiel an der längsten Außenmole Europas, die mit einer Länge von 1.450 Metern in die Ostsee ragt.
 | | Der Fischereihafen Freest |
|  | Doch wir segeln von Greifswald direkt in den kleinen Fischereihafen Freest, bis wo es nur 15 Seemeilen sind. Freest, ein Dorf mit ein paar hundert Seelen, liegt am Eingang zum Peenestrom, jenes Meeresarmes, der zwischen der Insel Usedom und dem Festland verläuft und seinen Namen vom Fluss Peene hat, der in ihn einmündet. Während viele Orte an der pommerschen Ostseeküste voll auf Tourismus setzen, hat man in Freest nach der Wende zunächst seine traditionelle Wirtschaftsstruktur erneuert, die Küstenfischerei. Im Hafen von Freest dominieren deshalb die Fischerboote und die große Fischereigenossenschaft. Und wer Fisch mag, wirklich frisch und am liebsten direkt vom Kutter, der sollte unbedingt hier vorbei schauen!
 | | Fischer mit Heringsfang in Freest |
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Irgend einer der Fischer ist immer gerade mit seinem Fang hereingekommen; und wenn nicht, wissen die Fischer im Hafen, wann der nächste kommt. Und wenn mal gar keiner im Hafen liegt, gibt es immer noch den Fischladen der Genossenschaft direkt am Hafen, der immer wirklich fangfrische Ware anbietet; oder den Fischimbiss im Hafen, der feinsten, oft noch warmen Räucherfisch aus der eigenen Räucherei verkauft.
 | | Nebel auf dem Peenestrom: Auf dem Dalben wartet ein Graureiher auf bessere Sicht |
|  | Es sind nur sieben Seemeilen von Freest bis nach Wolgast, unserem nächsten Ziel, aber auch hier gibt es viel zu sehen. Auch der Peenestrom bietet vielen Seevögeln Lebensraum. Aufgrund des gewaltigen Fischreichtums des Peenestroms sind es hier besonders die großen Fischräuber, die wir antreffen - wie etwa den Graureiher. Und wenn wir ohne besondere Ortskentnisse auf gut Glück einen Seeadler zu Gesicht bekommen wollen, dann ist die Chance hier auf dem Peenestrom am größten.
 | | Seeadler am Peenestrom |
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Keine zwei Seemeilen von Freest entfernt passieren wir den Hafen von Peenemünde - weithin sichtbar durch sein Kraftwerksgebäude, das an Backbord zu sehen ist. Der Ort erlangte im zweiten Weltkrieg Berühmtheit durch die Heeresversuchsanstalt, in der die V2-Rakete entwickelt und erprobt wurde. Heute befindet sich auf dem Gelände ein Museum, das sich mit der Geschichte der Raketentechnik und der Anstalt beschäftigt.
 | | Abend am Peenestrom |
|  | Wenn wir einen Strandtag auf Usedom einlegen wollen, ist der nächste Hafen an Backbord, Karlshagen, der geeignetste. Zwar liegt der Hafen am Peenestrom, doch erreicht man den Ostseestrand von hier gut zu Fuß.
Kurz nach Karlshagen sehen wir bereits Wolgast auftauchen. Wegen der großen Klappbrücke, die Usedom hier mit dem Festland verbindet und nur alle vier Stunde öffnet, müssen wir pausieren - Gelegenheit, uns den früheren Sitz der Herzöge von Pommern-Wolgast anzuschauen. Von 1295 bis 1625 residierten sie hier in einem Schloss auf der zur Stadt gehörenden Schlossinsel. Das Schloss wurde bereits im 17. Jahrhundert zerstört und die Ruine später abgerissen, aber die reich verzierten Zinnsärge in der Fürstengruft der St.-Petri-Kirche zeugen aus alter Zeit und können besichtigt werden. Besonders wertvoll ist der Prunksarkophag des 1565 beigesetzten Herzog Philipp I. Und wer schon einmal in dieser Kirche ist, sollte den Aufstieg auf den Turm wagen, der mit einer herrlichen Aussicht über die Region belohnt wird. Nach oben geht es durch gerade schulterbreite Wendeltreppen im 600 Jahre alten Ziegelgemäuer, schon das ist ein Erlebnis!
Wir verlassen Wolgast pünktlich zur Brückenöffnung und segeln den Peenestrom herunter. Von der Wolgaster Brücke bis zur Zecheriner Brücke im Süden sind es rund 20 Seemeilen, die wir durch eine einmalige, unverbaute Wasserlandschaft zurücklegen. Nach der Hälfte passieren wir die kleine Hafenstadt Lassan, die an Steuerbord auf dem Festland liegt, und kurz vor der Brücke sehen wir an Backbord auf der Insel Usedom die gleichnamige Stadt.
 | | Karniner Brücke: Ruine aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges |
|  | Zwei Seemeilen nach der Zecheriner Brücke sehen wir im Wasser die Reste der Karniner Brücke, eines heute geschützten Denkmals. Bis kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges verlief hier die Bahnlinie Berlin-Swinemünde über eine damals hochmoderne Hubbrücke. Neun Tage vor Ende des Krieges wurde sie von der Deutschen Wehrmacht gesprengt, um der Roten Armee den Vormarsch zu erschweren.
Kurz nach der Karniner Brücke endet der Peenestrom - vor uns öffnet sich das Stettiner Haff (sein Westteil wird auch "Kleines Haff" genannt). Von hier sind es noch 15 Seemeilen, bis wir mitten auf den gewaltigen Wasserflächen des Stettiner Haffs die polnischen Grenzbojen erreichen.
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Online-Logbücher - Vorpommersche Ostseeküste
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