Von Claudia Untiedt
 | | Ziel nach 300 Seemeilen auf der Nordsee: der Hamburger Hafen |
|  | Eigentlich hatte ich vor diesem Törn von anderen Seglern zu Hause nur eines über die Nordsee gehört: "Nordsee ist Mordsee!". Am heimischen Kneipentresen gab es praktisch keinen Unterschied mehr zwischen den Roaring Forties und der friesischen Nordseeküste. Ein Meer für erfahrene Seemänner sei dies, tückisch, nichts für Weicheier oder gar für Frauen! Aha - interessant. Nun wollte ich es erst recht wissen, denn in unserer Hafenkneipe an der Ostsee wird nach einigen Bierchen aus einer Windstärke vier schon gerne mal ein Orkan.
Und so ging es los, zu zweit mit meinem Mann auf unserer neun Meter langen Stahl-Sloop: Hinauf durch's Kattegat und den Limfjord - bis nach Thyboroen, wo die berüchtigte Begegnung mit der Nordsee stattfinden sollte. Um es vorweg zu nehmen: Allen Unkenrufen zum Trotz entdeckte ich ein Revier, dass seinen Schrecken schnell verlor!
 | | Thyboroen - Hafen am Ausgang des Limfjords zur Nordsee |
|  | Die Sachverständigen und Seefahrtsberater daheim hatten mir zwar viel von Stürmen und rauher See erzählt, aber darüber die entscheidende Kleinigkeit vergessen, die das Leben bestimmt: Die Gezeiten geben den Rhythmus vor.
Jeder kommende Tag will sorgfältig geplant, jedes Auslaufen sorgfältig berechnet werden. Bei Strömungen von teilweise 4 bis 6 Knoten ist man gut beraten, die Kräfte der Natur mit sich zu haben, will man sich nicht mit seinem Schiff außerhalb eines Priels im Flachwasser wiederfinden. Exakte Berechnungen der Wasserstände sowie der Strömungen auf den geplanten Schlägen ist unerläßlich! Gezeitenkalender und Strömungsatlas sind tägliche Lektüre. Und am besten man kümmert sich darum gleich, nachdem man in einem Hafen für die Nacht festgemacht hat. Sollte sich dabei herausstellen, dass der beste Zeitpunkt zum Auslaufen das Morgengrauen ist, sind damit eigentlich auch die Weichen für die Gestaltung des Abends gestellt.
Es wurde daher ein sehr disziplinierter Urlaub. Dank guter Berechnungen profitieren wir vom komplexen und phantastischen Zusammenspiel von Sonne, Mond und Meer und hatten in den meisten Fällen die Strömung mit uns - teilweise bis zu 4 Knoten!
 | | Sankbank bei Niedrigwasser: Seehunde sonnen sich |
|  | Als begeisterter Wildlife-Watcher kam ich auf der Nordsee absolut auf meine Kosten: hier gibt es im Gegensatz zur Ostsee viele Robben. Bei ruhigem Wasser sieht man oft unvermittelt einen kleinen, neugierigen Kopf aus dem Wasser ragen und Mensch und Tier beäugen sich neugierig. Da wird sogar eine Flaute interessant und das Fernglas zum ständigen Begleiter an Bord! Mit ein bisschen Glück bekommt man eine sogar eine ganze Seehundbank geboten.
Langsam ging es vom Norden Jütlands südwärts. Der dänische Küstenstreifen überraschte mit verschlafenen Fischerorten und sehr, sehr wenig Seglern - trotz Hochsaison. Sind es die Gezeiten, die andere Segler von diesem Revier abschrecken? Die Häfen können es jedenfalls nicht sein: Sie waren durchweg gut ausgestattet - mit Schwimmstegen und perfekten sanitären Einrichtungen. Und in den kleinen Hafenkneipen herrschte zum Wochenende skandinavische Fröhlichkeit.
 | | In Thorsminde liegt man mit den Kuttern im Fischereihafen |
|  | In Thorsminde, einem vom großen Tourismus noch verschonten Örtchen, mussten wir allerdings im Fischereihafen an einer Pier längsseits gehen. Es gab keinen Schwimmsteg. Bei fast einem Meter Tidenhub halfen hier nur ganz lange Leinen, die wir vorn und achtern weit entfernt an der Pier belegten. Durch den flachen Winkel der Festmacher konnte das Boot sich mit dem Wasserstand auf und ab bewegen, ohne bei Hochwasser zu lose zu liegen oder bei Niedrigwasser an den Leinen zu zerren.
Nach 134 Seemeilen entlang der dänischen Küste, über Hvide Sande und Esbjerg erreichten wir die Westküste Schleswig-Holsteins und den nördlichsten deutschen Hafen in List auf Sylt. Die Einfahrt in den dortigen Hafen ist ein Ereignis, nicht nur für Skipper. Ein starke Strömung versetzt das Boot bei halber Tide gewaltig - hier muß man schnell reagieren, sonst hängt man auf der Kaimauer. Dies lockt viele Schaulustige auf die Mole, die die einzelnen Manöver der Segler lautstark kommentieren. Wir bekamen übrigens - bei knapp 4 Knoten - Applaus!
 | | Lister Yachthafen |
|  | Der blühende Tourismus auf der mondänen Insel läßt keine Wünsche offen. Ob schön, reich oder beides: Man ist dabei. Sehen und gesehen werden. Die einzelnen Orte der Insel bieten etwas für jeden Geschmack. Besonders hervorzuheben ist eine einzigartige Dünenlandschaft zwischen List und Kampen, ganz besonders im August, wenn das Heidekraut blüht. Fährt man mit dem Bus von List nach Westerland, hat man auf diesem Streckenabschnitt das Gefühl, sich auf einem anderen Planeten zu befinden. Weiße spärlich bewachsene Sandberge, zur Linken ab und zu ein Blick auf das Wattenmeer, zur Rechten die blau schimmernde Nordsee.
 | | Amrumer Yachtclub in Wittdün im Abendlicht |
|  | Wenn man auch von Hörnum, dem südlichsten Hafen von Sylt, Amrum sieht, bedeutet dies nicht, dass man auch direkt übersetzen kann. Denn hier lauern überall Untiefen. Und auch hier geben die Gezeiten wieder den Zeitplan vor: Mit ablaufendem Wasser verlässt man über das Vortrapptief das trockenfallende Wattenmeer, lässt sich hinausziehen bis auf die offene See, um dort, wenige Seemeilen weiter südlich, nach dem Umkippen der Strömung mit auflaufendem Wasser durch das Rütergat wieder ins Wattenmeer bis Amrum hineingespült zu werden. Wichtig dabei ist, genau abzupassen, dass man im Moment des Wechsels von ablaufendem zu auflaufendem Wasser die Nordsee erreicht hat.
 | | Niedrigwasser in Wittdün am Yachthafen |
|  | Die friesische Küste überrascht mit vielen Gesichtern. Amrum mit seiner ausgedehnten Wattenküste ist ein Highlight der Reise. Ein Ausflug mit der Naturschutz-Gesellschaft Schutzstation Wattenmeer ist wirklich lohnenswert! Wer hat schon einmal eine sechs Zentimeter lange Jungscholle oder Nordseekrabben mit traditionellem Fanggerät selbst gefischt?
Amrum ist auch ein Paradies für Vogelbeobachtungen. Eine ganze Reihe seltener Arten kann ganz hier ganzjährig beobachtet werden: Ringelgänse, Pfeifenten, Kornweihen, Rauhfußbussarde, Merline, Sterntaucher, Eiderente - um nur einige zu nennen.
Weiter ging die Reise nach Helgoland, heraus mit dem Strom aus dem Rütergat auf die offene Nordsee. Stundenlang Wasser, soweit das Auge reicht. Doch plötzlich wurde mein Blick durch ein Ereignis angezogen. In einiger Entfernung stürzte sich ein riesiger weißer Vogel mit angezogenen Flügeln kopfüber ins Meer und tauchte nach kurzer Zeit wieder auf, hob ab und flog weiter. Eine durchgedrehte Möwe? Mit Hilfe von Fernglas und ornithologischem Führer war die Lösung schnell gefunden: Hier draußen auf See jagen Basstölpel nach Fisch. Die mit Kormoran und Pelikan verwandten majestätischen Seevögel, die 1,80 Meter Spannweite erreichen können, stürzen sich bei der Jagd aus bis zu 40 Metern senkrecht ins Wasser und tauchen dabei mitunter 15 Meter tief. Ein Spektakel der besonderen Art.
 | | Roter Fels in der Nordsee: Helgoland |
|  | Einige Stunden später erreichten wir die Insel Helgoland. Deren Charakter wird stark geprägt durch Tagestouristen, die hier hoffen, günstig zollfreie Genußmittel aller Art einkaufen zu können.
Der Ort besteht fast ausschließlich aus Spirituosen-, Tabak- und Parfümläden, Restaurants und Bars. Nicht so ganz nachvollziehbar ist, warum die Kurverwaltung ausgerechnet damit wirbt, die Insel sei "eine Oase der Ruhe für Stressgeplagte und ein einzigartiges Naturdenkmal, das keine Umweltprobleme kennt."
Trotzdem, der Schlag hier heraus auf die Nordsee lohnt: Wer es trotz der kommerziellen Verlockungen schafft, sich die Insel etwas näher anzuschauen, wird mit atemberaubenden Panoramen belohnt. Ein Blick von der roten Steilküste auf die "Lange Anna", den vorgelagerten turmartigen Felsen, lässt den Puls schneller schlagen. In 47 Meter Höhe zeigen die mutigsten aller Möwen ihre Flugkünste in den frischen Aufwinden.
Das Einkaufsparadies für Freunde des Hochprozentigen steht natürlich unter strenger Bewachung durch den Zoll. Mehrmals am Tag erscheint eine Patrouille im Hafen. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass schon mancher Segler gesichtet wurde, der mit einer gut gefüllten Einkaufstasche und absichtlosem Blick an seinem eigenen Boot vorbeiging, in der Hoffnung, die Beamten würden sich bald wieder verziehen.
Mit der Insel Helgoland war dann unser Nordsee-Abenteuer auch so gut wie beendet, da wir beabsichtigten, durch den Nord-Ostsee-Kanal wieder in heimische Gewässer zu gelangen. Doch so einfach mochten wir das schöne Revier natürlich nicht verlassen.
 | | Ankunft in Hamburg: St.-Pauli-Landungsbrücken querab |
|  | Die letzte Station und Krönung des Ausfluges war Hamburg. Natürlich war ich viele Male in Hamburg, aber nie mit dem eigenen Segelboot. Und bereits beim Einlaufen in die Elbe wurde mir klar, dass die Schiffe, die hier fahren, etwas größer sind, als jene, die ich sonst zu Gesicht bekam. Also schön rechts im Fahrwasser bleiben und nichts anmerken lassen. Jetzt schon gar nicht mehr! Ich hatte die Nordsee überlebt!
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